Die heutige Textstelle reflektiert möglicherweise bereits auf Erfahrungen der frühchristlichen Jesus-Bewegung. Die erste Begeisterung war abgekühlt und war einem lauwarmen Alltagspragmatismus gewichen. Die Früchte, die der an Christus Glaubende eigentlich zeigen müsste, sind rar geworden.
Es ist ja auch angenehm zu wissen: Gott selbst ist in Jesus Christus auf die Erde gekommen und hat uns erlöst. Wir sind Erlöste. – Da kommt man leicht in Versuchung, sich zurückzulehnen, und sich keine Gedanken mehr über die Konsequenzen zu machen, die der christliche Glaube nach sich ziehen müsste, wenn man ihn Ernst nimmt.
Der Evangelien-Text ist ein Weckruf, der von seiner Aktualität nichts verloren hat.
Nur ein kleines Beispiel: Der sonntägliche Gottesdienstbesuch.
Für zahlreiche Christinnen und Christen scheint es ausreichend zu sein, ihre Mitgliedschaft in der Kirche durch die Bezahlung der Kirchensteuer zu dokumentieren. Vielleicht erscheinen sie dann auch noch im Weihnachtsgottesdienst. Und die ganz Eifrigen sind sogar im Ostergottesdienst zu sehen. – Aber ansonsten ist der Sonntag der Tag, an dem man endlich mal ausschlafen kann, oder es gibt Freizeitaktivitäten mit der Familie, oder was auch immer. Der Gottesdienst ist da nicht so wichtig.
Nun ist der sonntägliche Gottesdienst-Besuch sicherlich nicht das, woran sich die Ernsthaftigkeit meines Glaubens entscheidet. Aber der Gottesdienst ist der Ort, an dem – um im Bild des heutigen Gleichnisses zu bleiben – der Boden rund um meine Wurzeln aufgelockert wird, der Ort, an dem ich meinen Dünger bekomme. Der Ort, an dem ich mich mit meinem Glauben auseinandersetze, vielleicht auch mit einer meiner Auffassung widerstreitenden Predigt.
Und vielleicht war es ja auch kein Zufall, dass vor 20 Jahren die friedliche oder gewaltfreie Revolution von den Kirchen und den Gebeten ihren Ausgang nahm. Da hat der Glaube, da haben die Glaubenden Früchte getragen. Und so manche Frucht war dabei an Menschen zu finden, die gar nicht unbedingt Mitglied der Kirche waren.
Die Erlösung, die uns Gott selbst in Christus geschenkt hat, ist kein Anlass, sich zurückzulehnen. Sie ist eine Aufforderung, unsere Freiheit als Christenmenschen wahrzunehmen.
Dieser Glaube fordert uns heraus. Gott ist ein Tun-Wort. Das Evangelium ist konkret. Das ist nichts für Couch-Potatoes, die sich im Erlösungsbewußtsein bequem eingerichtet haben.
Mit dem Ruf „Wir sind ein Volk“ haben die Menschen 1989 die Mauern der Grenzen zwischen Ost und West niedergerissen. Mit dem Ruf „Wir sind das Volk Gottes“ sollten wir unterwegs sein, um alle Mauern niederzureißen, die uns noch immer vom Reich Gottes trennen.
Das sonntägliche Treffen in der Gemeinschaft der Kirche ist unsere Tankstelle für den Alltag. Es ist Gottes Dienst an uns Menschen, den wir hier erfahren. Wir werden zugerüstet mit Wort und Sakrament, um als Volk Gottes wieder in die Welt ziehen zu können, und weiterzuerzählen von der überwältigenden Liebe, mit der uns Gott immer wieder nahe kommt.
Auf dass die Botschaft Frucht an uns trage.
Fotograf/in: reisende-unter-der-sonne – Quelle: www.flickr.de