Hier in Thüringen haben die Sommerferien angefangen. Die heutigen Schrifttexte passen dazu.
Denn viele Menschen werden in dieser Zeit aus ihrem gewohnten Trott, aus Streß und Hektik des Alltagslebens, aus dem Druck und dem Diktat der Uhr ausbrechen, und eintauchen in eine andere Welt. – Urlaub!
In die kleine heile Welt des Urlaubs abtauchen. Nur das tun, wozu man wirklich Lust hat – na ja, wenn man Kinder hat, dann wird man vielleicht auch darauf Rücksicht nehmen müssen, was die Kinder wollen …
Sich aber auf jeden Fall nicht mehr knechten lassen von einer Stechuhr oder davon, dass so viel Arbeit auf dem Schreibtisch liegt, dass man schon längst den Überblick verloren hat und man vor lauter Arbeit gar keine innere Ruhe mehr finden kann.
In Sachen „innere Ruhe“ kann man sich an Kindern übrigens ein gutes Vorbild nehmen: Meine eigenen leben in ihrer Geschwindigkeit, nach ihrem Takt. Manchmal ist das schon direkt provozierend. Insbesondere, wenn ich selber in Eile bin, unter Zeitdruck stehe, und sie schnell noch z.B. in den Kindergarten bringen muss.
Ich merke dann immer, wie ich mich selber von einem äußeren, mir aufgezwungenen Takt bestimmen lassen, und wie er mich unter Druck und Streß setzt. Und ich ertappe mich dabei, wie ich versucht bin, diesen aufgezwungenen Takt an die Kinder weiterzugeben, damit ich „im Takt“ bleibe. Wie ich zur Eile mahne, und alles klappen muss. Klein Schlendern, kein Trödeln, kein Blick zur Seite.
Erfreulicherweise gelingt mir das nicht immer. Und im Blick auf meine Kinder spüre ich, wie gut es mir oftmals tun würde, wie heilsam es für mich wäre, wenn ich meinem eigenen Takt folgen könnte.
Da kehrt sich das Erziehungsverhältnis vom Vater zum Kind auf einmal um: Nicht nur meine Kinder lernen von mir, dass Pünktlichkeit und Terminplanung häufig sehr wichtig sein können, sondern auch ich hoffe von meinen Kindern neu Gelassenheit und die Wichtigkeit von innerer Ruhe zu lernen.
Sehnsucht nach Heil
Und ich bin überzeugt, dass die Kindern mich hier – ohne es zu wissen – auf den Weg Gottes führen. Denn der tiefe Wunsch jedes Menschen, sich in einem Zustand des Heils zu befinden, mit sich selbst und der Welt im Einklang zu sein, in innerer Ruhe zu leben, ist – so glaube ich – in Gottes Sinn, in Gottes Willen.
Doch die Welt, in der wir leben, ist häufig genug von unheilen Zuständen geprägt. Und das hat nicht nur mit individuellen Streß-Erlebnissen zu tun.
Wir brauchen nur in die Zeitung zu schauen, oder die Nachrichten zu hören: Kriegerische Auseinandersetzungen in Afghanistan, Wahlfälschung und Bürgeraufstand im Iran, andauernde Konflikte zwischen Israel und Palästina, globale Wirtschafts- und Finanzkrise, wieder steigende Arbeitslosenzahlen in Deutschland, Hunger in vielen Ländern der Welt.
Und nicht zuletzt auch die Tatsache, dass wir uns mit Krankheiten auseinandersetzen müssen, und dass wir auch irgendwann sterben müssen, dass wir unaufhaltsam mit jeder Minute unseres Lebens unserem Tod 60 Sekunden näher kommen, belegt nachdrücklich, dass wir uns nicht in einem heilen Zustand befinden.
Gerade hier aber signalisieren die Wundergeschichten aus dem heutigen Evangelium eine klare Botschaft: Sowohl die Heilung der Frau als auch die Auferweckung der Tochter des Synagogenvorstehers erzählen uns: Dieser Zustand ist nicht in Gottes Sinn. Er will unser Leben, er will unser Heil, er will unsre Heilung.
Das ist eine ausdrückliche Ermutigung dazu, auf das eigene Heil zu achten. Sich nicht einspannen zu lassen in die Arbeitsmühle bis man ausgebrannt und verbraucht ist. Sich nicht ausnutzen lassen, sondern auch auf die eigenen Bedürfnisse und Wünsche schauen, sich selbst Ruhe gönnen.
Und aus der Kraft, die wir durch diese Ruhe schöpfen, können wir uns gleichzeitig dafür einsetzen, dass dann auch diese Welt etwas heiler wird, dass das Heil Gottes in dieser Welt sichtbar wird. So wie er selbst dieses Heil sichtbar hat werden lassen in Jesus Christus, in dem er selbst Mensch geworden ist und unter uns gelebt hat.
Fundraising als Arbeit an Heilung
Auch der heutige Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth erzählt davon, wie der Versuch unternommen werden kann, diese Welt etwas heiler werden zu lassen. In einem ganz konkreten Sinn.
Paulus wirbt hier bei den Menschen in Korinth um Unterstützung für die Armen und Bedüftigen in der Urgemeinde in Jerusalem.
Hintergrund der Sammelaktion war die Tatsache, dass die Jerusalemer Bevölkerung verarmt war. Einer der Gründe war der an die Römer abzuführende Tribut. Der zweite Grund war allerdings die Überalterung der Stadtbevölkerung, verursacht durch den Zuwanderungsdruck von alten Juden aus der Diaspora, die im Schatten des Tempels sterben wollten.
Bei dieser paulinischen Fundraising-Aktion dürfte es sich um die größte Hilfsaktion der Urchristenheit gehandelt haben, oder – wie der Exeget Joachim Gnilka es ausdrückte: Die erste caritative Großaktion der Christenheit.
Paulus hat festgestellt, dass es einen unheilen Zustand gibt: Die Christen in der Jerusalemer Urgemeinde, denen die gesamte frühe Kirche viel zu verdanken hat, da sie es waren, von denen das Evangelium ausging, leben in Armut. Und anderen Christen, die das Evangelium dank des missionarischen Engagements des Paulus kennenlernen durften, geht es materiell sehr gut – so gut, dass sie sogar problemlos etwas abgeben können.
Warum also nicht den Versuch machen, mit einer Spendenaktion diesen unheilen Zustand zumindest zu mindern? Einen Ausgleich zu schaffen?
Im Endeffekt sind wir mit dem zweiten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth bei den Wurzeln von Diakonie und Caritas angekommen.
In frühchristlicher Zeit entwickelt sich dann sehr schnell die selbstverständliche Unterstützung von Kranken, Armen und Gefangenen durch die christlichen Gemeinden. Dabei wurden neben allgemeinen Spenden auch Geld und Naturalien im sonntäglichen Gottesdienst auf den Altar gelegt und damit Gott geweiht. Hier wurden Liturgie und Diakonie bereits sehr früh miteinander verknüpft. Der Bischof nahm diese Gaben entgegen und war auch für die Verteilung zuständig. Eine Aufgabe, in der er von den Diakonen unterstützt wurde.
Bereits im 2. Jahrhundert verfügten dann viele christliche Gemeinden über eine organisierte Armenpflege. So unterstützt beispielsweise die römische Gemeinde um das Jahr 250 nach Angaben des frühchristlichen Kirchengeschichtsschreibers Eusebius ständig rund 1.500 Hilfsbedürftige.
Unsere Aufgabe: Zeugnis vom Heil ablegen
Gerade als christliche Kirchen haben wir m.E. den Auftrag, Zeugnis vom Heilswillen Gottes abzulegen. Mit Diakonie und Caritas, Brot für die Welt und Misereor wird hier auf der materiellen Ebene schon viel geleistet.
Aber dennoch habe ich auch häufig das Gefühl, dass wir hier im Zeugnis vom Heilswillen Gottes für diese Welt noch einige Defizite zu bewältigen haben.
Denn neben der Tatsache, dass unser persönliches Heil-Sein oft vom Arbeitsstreß, von Machtkämpfchen, Schuldzuweisungen, Verletzungen und vielem mehr aufgefressen zu werden droht – auch und gerade in der Arbeit bei der Kirche – und neben dem unheilen Zustand der Welt, ist auch das Verhältnis der Kirchen untereinander viel zu wenig von Heil geprägt.
Wir glauben zwar an den gleichen Gott – zumindest behaupten wir das -, aber wenn es darum geht, sich aufeinander zu zu bewegen, neigen wir häufig viel zu schnell dazu, in religiöser Rechthaberei zu verharren, und die Position des jeweils anderen als „falsch“ oder „irrig“ zu kategorisieren.
Ich glaube, dass wir mit unseren Streitigkeiten und oftmals auch Nickeligkeiten kein sonderlich glaubwürdiges Zeugnis von einem Gott ablegen, der das Heil des Menschen will.
Wir sollten einander in unserer konfessionellen Vielfalt akzeptieren und voller Hochachtung respektieren, auch wenn es Differenzen im konkreten Verständnis von geistlichem Dienst in der Kirche oder von Abendmahl und Eucharistie gibt. Die eine Kirche Christi existiert in der Vielfalt der Kirchen. Genauso wie der eine Gott, den wir bekennen, in der Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Geist existiert. Einheit und Vielfalt fallen zusammen und bilden keine Gegensätze.
Durch die Taufe sind wir alle erst mal Glieder dieser einen Kirche Christi, sind alle Kinder der einen großen Familie Gottes, wie dies die evangelische Bischöfin Margot Käßmann jüngst ausgedrückt hat – Geschwister in Christus.
Das ist nun kein Plädoyer dafür, dass wir uns in einen kirchlichen Einheitsmischmasch auflösen. Aber es bleibt unsere Aufgabe, uns gegenseitig einzuladen, nicht auszuladen – und das gerade auch bei Abendmahl und Eucharistie.
Vom gemeinsamen Tisch unseres Herrn gestärkt fällt es uns dann vielleicht leichter geschwisterlich miteinander am Reich Gottes bauen und Gottes Heil in dieser Welt anbrechen lassen.
Foto: HRC – Quelle: www.flickr.de
Lieber Walter,
grade Deine Aussagen am Anfang zu Arbeitsstress und den Kinder hat mich sehr angesprochen. Es hätte fast aus meinen persönlichen Erfahrungen gesprochen sein können. Oft ist das Streben, die viele Arbeit zu schaffen dann auch vergeblich. Bei mir war es dann auch noch so, dass ich mich besser um meine Beziehung gekümmert hätte.
Gruß
Yaaw
Und was machst Du mit denen, die wissen, dass es keine Götter gibt? Sind die nicht Deine Geschwister?
Diakonie und Caritas sind übrigens zu 90% durch Staat und private Spenden (auch von Atheisten) finanziert.
Lass uns Brüder sein, ohne unhaltbare Heilsversprechen! ;)
@ Yaaw
Danke für die positive Rückmeldung.
Ich hatte mir zu Beginn der Woche den Predigtext mit in die Woche genommen, und gerade als ich mal wieder unter Streß stand, weil ich es eilig hatte, und meine Kinder sich Zeit gelassen haben, weil sie eben in ihrem Takt sind, merkte ich, wie sehr diese Situation zu dem Text passt – und dass ich hier eigentlich viel von meinen Kindern lernen könnte, mir Gott durch meine Kinder etwas sagen will.
Dir wünsche ich viel Kraft und den Weg in eine glückliche Beziehung. Ich habe durch das, was ich – oft genug allerdings erst im Rückblick – als falsch erkannt habe, oftmals gelernt. Vielleicht kannst Du das Scheitern, welches in Deiner Rückmeldung anklingt, als Chance begreifen, in einer neuen Beziehung Deine Gewichtungen neu zu setzen …
Herzlich
Walter
@ sapere aude
Herzlichen Dank für Deinen Kommentar.
Unbestritten, dass die Organisationen Caritas und Diakonie mittlerweile für ihre Dienste auch staatliche Unterstützung erhalten. Und in Sachen Spenden: Spenden sind freiwillige Gaben, egal, ob sie von einem Mitglied der Kirche kommen, oder von jemandem, der nicht Mitglied der Kirche oder Atheist ist. Hier verstehe ich Dein Problem nicht. Zudem: Die von Dir angeführten 90% sind reichlich übertrieben.
In meiner Predigt kann ich auch keinen Aspekt finden, warum ich etwas gegen Atheisten haben sollte. Von daher sind mir die Fragen „Und was machst Du mit denen, die wissen, dass es keine Götter gibt? Sind die nicht Deine Geschwister?“ nicht ganz verständlich.
Herzlich
Walter
Lieber Walter,
Du schreibst etwas von „geschwisterlich miteinander am Reich Gottes bauen und Gottes Heil in dieser Welt anbrechen lassen.“ und sprichst damit Deine „Glaubensbrüder“ an.
Als Atheist habe ich mich nun gefragt, ob Du Menschen, die wissen, dass es keine Götter gibt, auch als Deine Geschwister betrachtest und was ein gemeinsames Ziel von Atheisten und Christen – jenseits aller Heilsversprechen – sein könnte.
@ sapere aude
Herzlichen Dank für die Erläuterung! Jetzt kann ich das besser verstehen.
Ich schließe Menschen, die nicht an Gott glauben, aus der Geschwisterlichkeit natürlich nicht aus. Gott bewahre ;-)
Aber es ist doch eine andere Art von Geschwisterlichkeit. In meiner Predigt – und zu den Gottesdiensten kommen im Regelfall ja auch „nur“ glaubende Menschen – spreche ich natürlich erst mal die Geschwister in Christus an. Und natürlich hat „Reich Gottes“ dann auch eher einen Glaubenshintergrund, und umfasst etwas mehr, als ein rein diesseitiges Heil.
Aber natürlich habe ich keine Hemmungen mit Menschen am diesseitigen Heil – und da gibt es ja mehr als genug zu tun – zusammenzuarbeiten, die nicht an Gott glauben. Frieden, Gerechtigkeit, Umweltschutz, …