Im heutigen Evangelium fließt vieles zusammen, was ich glaube von der Botschaft Jesu bisher verstanden zu haben, und was in den verschiedensten Variationen daher auch seinen Weg in die Predigten gefunden hat, mit denen ich hoffe, die eine oder andere Gedankenanregung mit auf die Glaubenswege derer gegeben zu haben, welche diese Predigten gehört haben.
Reich Gottes fängt im Kleinen an
Ein erstes, was mir an diesem Evangelium wichtig ist: es erzählt davon, dass das Reich Gottes im Kleinen anfängt. Das Reich Gottes fängt klein an. Unscheinbar. Schon fast zu übersehen. Das Senfkorn war nach damaliger Auffassung das kleinste aller Samenkörner.
Es gibt auch andere Vorstellungen vom Beginn des Reiches Gottes: Manch apokalyptische Christinnen und Christen erwarten dieses Reich als ein auf einmal, an einem ganz bestimmten Tag ins Diesseits hereinbrechendes Jenseits mit einem endzeitlichen Kampf zwischen Gut und Böse, wobei das Gute natürlich den Sieg davon trägt.
Das heutige Evangelium dagegen erzählt eine ganz andere Geschichte: das Reich Gottes fängt immer im Kleinen an, so wie dieses kleine Samenkorn (SENFKORN ZEIGEN). Aber dann beginnt es, sich auszubreiten und zu einem mächtigen Baum zu werden, in dessen Schatten die Vögel des Himmels nisten können.
Überall, wo dieser kleine Samen gesät wird, kann dieser Baum entstehen.
Und er wird andauernd gesät. Immer wieder. Mitten unter uns. Wo einer dem anderen hilft, ohne jeden Hintergedanken. Wo man füreinander sorgt. Wo einer dem anderen zuhört. Wo man gegen Rassismus und Diskriminierung eintritt. Wo der Friede den Sieg über Streit davon trägt. Wo der Liebe Raum gegeben wird. Und ist dieser Raum noch so klein. Da fängt Reich Gottes an.
Wir müssen nur unseren Blick schärfen, damit wir Augen für den Wald bekommen, den wir vor lauter hoch aufgeschossenen Bäumen des Reiches Gottes oft nicht sehen.
Das Reich Gottes ist (auch) von diese Welt
Ein zweites, was sich aus meinem ersten Punkt schon logisch erschließt: das Reich Gottes ist auch von dieser Welt. Es beginnt überall dort, wo wir daran bauen. Auch wenn Gott selber seinen Segen zu unserem Tun geben muss, denn wir selber können nicht bewirken, dass sich das Senfkorn zu einer Pflanze entfaltet. Und wir brauchen immer wieder Gottes Hilfe, damit aus unsrem gut gemeinten Tun auch wirklich Gutes werden kann.
Aber da, wo wir nicht anpacken, wo wir – um im Bild zu bleiben – das Senfkorn des Reiches Gottes nicht pflegen, das Erdreich nicht lockern und düngen, nicht dafür sorgen, dass der Boden bei Trockenheit Wasser bekommt, da hat das Senfkorn auch geringere Möglichkeiten zu keimen und die junge Pflanze weniger Chancen, zu einem großen Baum zu werden. Da reduzieren wir die Möglichkeiten, dass das Himmelreich auf Erden entsteht.
Mit unserem Engagement lockern wir das Erdreich, unser Dünger ist die Liebe, unser Wasser heißt Evangelium und Gebet.
Und das heißt: Wir müssen die Hände falten, um den Segen Gottes und seinen Beistand zu erbitten, um in Gebet, im Gottesdienst und in den Sakramenten uns Kraft von ihm schenken zu lassen, und das Wort der frohen Botschaft, das Evangelium, weiterzuverbreiten. Das ist die Grundbasis: Wasser des Lebens.
Aber wir müssen, so durch Gott selbst gestärkt, nicht nur vom Evangelium reden, sondern auch die gefalteten Hände wieder auseinander bekommen, um engagiert anzupacken, das Erdreich auf diese Weise aufzulockern und mit konkreten Taten der Liebe die Welt zu düngen und so am Reich Gottes weiterzubauen.
Grenzen anerkennen
Ein Drittes: Franz von Assisi hat einmal gesagt: „Tue erst das Notwendige, dann das Wichtige, und schließlich schaffst Du das Unmögliche.“
Übertragen auf den Bau am Reich Gottes macht mir das deutlich, dass ich meine eigenen Grenzen sehen und anerkennen sollte. Ich kann meine ganze Kraft für den Bau am Reich Gottes einsetzen, aber ich werde es mit meinen Kräften nicht errichten. So wie der Mann im ersten Teil der heutigen Evangeliums-Lesung Samen ausstreut, also das tut, was er tun kann, aber dann auch wieder nicht bewirken kann, dass der Same aufkeimt, wächst und gute Frucht trägt. Das liegt bei Gott.
Gott setzt den Schlussstein, die Vollendung liegt bei Gott.
Darauf können wir vertrauen, immer dann, wenn wir das Gefühl haben, dass uns die Aufgaben, vor denen wir stehen, über den Kopf wachsen. Wir müssen nicht selbst die Welt retten. Diese Aufgabe ist niemandem von uns auf die Schultern gebürdet. Wir dürfen auch loslassen.
Wir können voll Zuversicht auf Gott vertrauen, auch wenn manche Widrigkeit des Lebens dieses Vertrauen Lügen zu strafen scheint. „Als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende“, hat dies Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth ausgedrückt.
Wenn wir eine solche Haltung gewinnen, dann fällt es auch nicht so schwer, sich nicht am Unmöglichen abarbeiten zu wollen und daran notwendig zu scheitern. Sondern wir werden am Notwendigen und Wichtigen arbeiten, und darüber – wer weiß – vielleicht doch auf einmal Unmögliches schaffen.
Scharfer Senf
Ein vierter Punkt bezieht sich auf das, was aus dem Senfkorn hergestellt wird: Nämlich Senf. Und zwar, abgesehen von einigen regionalen Besonderheiten, die vor allem im südöstlichen Teil unserer Republik verbreitet sind, im Regelfall: Scharfer Senf.
Das kann davon erzählen, dass das Reich Gottes genau wie der Mann aus Nazaret selber, der uns dieses Gleichnis erzählt, nichts ist, was mit Zuckerguß überzogen werden kann. Die Botschaft des Evangeliums brennt scharf auf der Zunge, lockt Widerspruch heraus, stellt die Welt und ihre Machtverhältnisse, wie wir sie kennen und wie sie schon die Zeitgenossen Jesu gekannt haben, auf den Kopf.
Sünder und Dirnen sind die Freunde des Mensch gewordenen Gottes. Er selbst ein Wanderprediger, der sogar seine eigene Familie düpiert, die ihn von seiner Mission zurück nach Hause holen wollen. Ein Mensch, der die religiösen Regeln seines jüdischen Glaubens nicht einhält, sondern exemplarisch die provizierende Frage stellt, ob nun der Sabbat für den Menschen da sei oder der Mensch für den Sabbat.
Seid Widerspruch in dieser Welt! Nehmt nicht das Gegebene als gegeben hin, nur weil es vorgeblich schon immer so gewesen sei.
Oberstes Gebot ist die Liebe, nicht althergebrachte Verhältnisse.
Seid scharfer Senf und gebt dieser Welt, dieser Stadt und ihren Einwohnern die Würze, die sie sonst nicht erhalten würden.
Das Potential des Senfkorns
In unserer kleinen Gemeinde hier in Erfurt steckt das Potential des Senfkorns. Auch, wenn wir uns noch so klein fühlt, wenn wir offensichtlich doch im Moment eine so kleine Gemeinschaft ist, dass niemand erwartet, dass daraus etwas Großes erwachsen könnte, kann etwas Wunderbares entstehen.
„Das Du wirst zum Baume, der uns Schatten wirft.“ Der Baum, der diese Gemeinde werden kann, kann ziemlich groß werden, und eine Heimat für viele Menschen.
Wir müssen dieser Stadt immer wieder zeigen, dass eine der Tradition verbundene, feierfreudige, spirituell tiefgehende, bunte, moderne, katholische Gemeinde in ihr wachsen kann, in der man sich wohl fühlen kann, die neugierig auf den Geschmack des Christseins macht, die anziehend für Suchende ist, die verwurzelt in Evangelium und Tradition mit ihrem ganzen Engagement am Reich Gottes baut. Wenn wir dagegen mit dieser Gemeinde bereits abgeschlossen haben oder zu früh aufgeben, bevor sie richtig zu wachsen begonnen hat, wird sie auch keine Zukunft haben.
Und um Euch an dieses Wachstums-Potential zu erinnern, welches in Euch schlummert, habe ich jeder und jedem von Euch ein Senfkorn mitgebracht. Bewahrt es irgendwo auf, wo Ihr es immer mal wieder in den Blick oder in die Finger bekommt. Denn wir alle dürfen uns immer wieder daran erinnern, zu was wir berufen und zu was wir fähig sind: Das Reich Gottes in unserer Welt immer wieder aufbrechen zu lassen.
Fotograf: sera78 – Quelle: www.flickr.de