Auseinandersetzungen mit der Gnosis als Hintergrund des 1. Johannesbriefes
Der Anlass für den 1. Johannesbrief, den wir gerade eben in der Lesung gehört haben, scheint in einer Spaltung der Gemeinde zu liegen. Innerhalb dieser Gemeinde, die wahrscheinlich das Johannes-Evangelium als Grundlage ihres Glaubens an Christus kennen, gab es eine Gruppe, die sich von der angeschriebenen Gemeinde abgespalten hat.
Wenn man sich den gesamten Brief durchliest, erkennt man, dass es sich bei der Diskussion zwischen diesen beiden Gruppen der Gemeinde um einen frühchristlichen Streit um das rechte Verständnis der gemeinsamen Tradition handeln, um grundlegende Fragen, welche die Christologie, und in Folge auch das Christ-Sein betreffen.
Der abgespaltene Teil, gegen den sich der 1. Johannesbrief richtet, hat scheinbar einen eher gnostischen Blickwinkel auf das ihnen bekannte Johannes-Evangelium, und geht von einer Wesensgleichheit des geistigen Selbst des Menschen mit dem jenseitigen Gott aus, verbunden mit einer radikalen Abwertung alles Materiellen.
Nach gnostischer Ansicht sind Funken des Göttlichen Wesens aus der transzendenten geistigen Sphäre in die materielle (böse) Welt gefallen, die ohnehin nur Produkt eines minderwertigen Gottes sei. Diese gegenwärtige materielle Welt sei dem höchsten Gott und dem Guten völlig fremd.
Indem Menschen zu der Erkenntnis erlangen, einen göttlichen Teil in sich zu haben, können sie sich von dieser materiellen und damit bösen Welt lossagen, sich so selber über sie stellen und in ihre Heimat, den spirituellen Bereich des Transzendenten, zurückkehren um die volle Erkenntnis über alles Seiende zu erlangen.
Der Gottessohn ist reiner Geist, Jesus von Nazaret nur ein Mensch
In Folge dieser Auffassung fallen für diesen abgespaltenen Kreis der Gemeinde der Mensch Jesus von Nazaret und der himmlische Christus und Gottessohn auseinander – ein Konflikt um die Christologie, der ja insgesamt die ersten Jahrhunderte und die ersten ökumenischen Konzilien prägen wird.
Der Gottessohn sei reiner Geist und habe als Erlöser aus der göttlichen Welt den Menschen Jesus lediglich als eine Art Medium oder Hülle genutzt. Aber er habe ihn vor oder in seinem Tod auch wieder zu verlassen, ohne von dessen Schicksal – dem Tod des Menschen Jesus am Kreuz – betroffen zu sein.
Der Mensch Jesus von Nazaret, der in dieser Sicht ja Teil der bösen materiellen Welt ist, ist für diese Gruppe vollkommen uninteressant. Denn die materielle Welt spiegelt nach ihrer Auffassung schlechterdings nichts von der göttlichen Herrlichkeit, weswegen es auch unsinnig sei, eine irgendwie geartete Verantwortung gegenüber der irdischen Welt anzuerkennen.
Und das hat in logischer Konsequenz unmittelbare Auswirkungen auch auf das Verhältnis zum Nächsten, wie vor allem der Text deutlich gemacht, den wir gerade gehört haben. Denn tätige, greifbare, konkrete Nächstenliebe, die für den Autor des Briefes Kennzeichen des Seins aus der Wahrheit ist, ist für das gnostische Denken vollkommen irrelevant.
Der Glaube verlangt nach der Tat
Für den Autor des 1. Johannesbriefes ist es dagegen nicht ausreichend, über die Liebe Gottes zu den Menschen nur zu reden, und sie in einer geistigen Sphäre zu belassen, sondern es ist notwendig, diesen Worten auch konkrete Taten folgen zu lassen.
Es geht nicht um verbale Liebesbekundungen, die außer rhetorischer Anstrengung nichts kosten, sondern es geht um das Tun des Evangeliums, um die Tat, welche die Not des Nächsten wendet. – Mich erinnert das durchaus auch an die Kritik an so manchen Sonntagsreden, gerade auch in der Kirche; schon von daher ein Text, den sich jede Predigerin und jeder Prediger immer mal wieder durchlesen und sich kritisch von ihm anfragen lassen sollte.
Das Tun der Gerechtigkeit unterscheidet die wahren Jüngerinnen und Jünger Jesu von den falschen, die bestenfalls über das Tun schön reden.
Unser Herz klagt uns an – doch Gott ist größer als unser Herz
Dabei geht der Verfasser des 1. Johannesbriefes auf ein Phänomen ein, welches wir ebenfalls erleben können: Wenn wir uns noch so sehr anstrengen, und noch so vorbildhaft leben, noch so sehr versuchen, unseren Glauben auch zur Tat werden zu lassen, so werden wir doch auch immer unzufrieden sein, immer in dem Gefühl leben, es sei nicht genug, wir seien nicht perfekt genug, wir würden immer wieder fehlen. Gerade bei denen, deren Gewissen geschärft ist, die die Liebe erkannt haben und sich auf sie einlassen, bei denen wird eine verstärkte Erkenntnis des eigenen Unvermögens und der eigenen Fehlbarkeit einziehen.
Aber der Brief ermutigt uns dazu, über unseren eigenen Unzulänglichkeiten nicht zu verzweifeln. Vielmehr ermuntert er dazu, in der eigenen Verstricktheit in Schuld und Fehler immer wieder den Blick auf Gott zu richten. Denn wenn wir nur auf uns selber schauen, und unser Gewissen dabei nicht überhören, werden wir aus der Selbstanklage nicht mehr herauskommen.
Deswegen lenkt der Autor den Blick auf Gott und ermutigt uns dazu, auf seine Liebe zu vertrauen, darauf, dass Gott größer ist als unser Herz.
Damit meint der Autor jetzt allerdings keine billige Gewissens-Beruhigung, keiner billigen Gnade, die uns in den Schoß fällt. Sondern er schreibt von einem für die Sache brennenden Herz, von einem leidenschaftlichen Herz, welches versucht, die Gebote Gottes zu halten.
Denn das gilt es alleine: Gottes Gebot der Liebe zu halten. Und mit dem Hinweis, dass es zudem notwendig ist, an Jesus Christus zu glauben, betont er auch die Zusammengehörigkeit von geschwisterlicher Liebe und Christusbekenntnis.
Eucharistie ist ökumenische Leib-Christi-Gemeinschaft
Ich denke, das kann gerade auch für das ökumenische Miteinander der Kirchen ein sehr wichtiger Aspekt sein. In Christus gehören wir alle zusammen, egal, welche unterschiedlichen Auffassungen wir in einigen Punkten haben mögen.
Wenn wir uns alle auf Christus berufen und Christus bekennen, dann ist und bleibt allerdings die Frage, warum wir es trotz aller Gespräche und Verständigungen noch immer nicht geschafft haben, dass alle Konfesionen miteinander das Brot der Eucharistie / des Abendmahls brechen. Um den derzeit amtierenden Bischof Joachim Vobbe aus seiner Predigt bei der Lima-Liturgie des ersten Ökumenischen Kirchentages 2003 in Berlin zu zitieren: „Die Kirche, der Leib Christi, ist und bleibt von ihrer Grundgestalt her eine. Kurz gesagt: Es ist und bleibt ein Skandal, wenn das Abendmahl, die Eucharistie, an verschiedenen Altären gefeiert wird, und wenn wir die jeweils anderen ausladen.“
Neigen wir möglicherweise auch dazu, zwar rhetorisch schöne Reden über das Thema Ökumene zu halten – aber wenn es zum Schwur kommt, wenn es darum geht, das miteinander zu teilen, was uns unser gemeinsamer Herr und Bruder Jesus, der Christus als gemeinsames Erbe der Geschwisterlichkeit hinterlassen hat, dann gelingt es uns nicht, ins Tun zu kommen, und miteinander das Brot zu brechen und den Kelch zu teilen?
Unser Glaube verlangt nach der Tat. Es gibt nur einen Leib Christi! Wir Christinnen und Christen bilden nach Paulus gemeinsam diesen einen Leib Christi (1 Korinther 10,16f: „Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christ? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib, denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“) Die Eucharistie, das Abendmahl ist Leib-Christi-Gemeinschaft, und darf nichts sein, was uns trennt.
Und wie wollen wir unseren Glauben wirklich glaub-würdig vertreten, wenn er uns nicht einmal dazu befähigt, untereinander das Band der geschwisterlichen Liebe stärker sein zu lassen, als die trennenden theologischen Positionen? Um wie viel engagierter könnten wir miteinander am Reich Gottes bauen, wenn wir uns als Einheit in der Vielfalt akzeptieren würden?
Ist unser konfessionelles Herz denn wirklich so eng?
Ich gehe davon aus, dass diese Frage gerade auch im Vorfeld des bevorstehenden 2. Ökumenischen Kirchentages 2010 in München wieder virulent wird. Zumindest an der Basis unserer Kirchen. Es wird ein Stachel im Fleisch der Ökumene sein und bleiben. Und das ist auch gut so.
Um nochmals Bischof Joachim Vobbe aus der genannten Predigt zu zitieren: „Wir werden beim jüngsten Tag nicht danach gefragt werden, ob es uns gelungen ist, die jeweils eigenen theologischen Spekulationen unserer Kirchen als ewige Wahrheiten gegeneinander verteidigt zu haben, sondern ob wir die in der Wurzel unzerstörbare, unauslöschliche Einheit der Kirche, geschaffen aus einem Gottesgeist und geschöpft aus einer Taufe, auch in der Eucharistie bekannt und „dynamisiert“ haben, das heißt als Kraftquelle zur Veränderung auf Christus hin, als Speise auf dem Weg verstanden haben.“
Am 6.6.2009 findet ab 19 Uhr im Kaffeehaus „Markt 11″ die 3. Thüringer Bloglesung statt.
Eintritt ist frei. Wir freuen uns auf jeden Fall über jeden Besucher und begrüßen vor allem die Thüringer Blogger.
Infos gibt es auf der Thüringer Blogzentrale:
http://www.thueringerblogzentrale.de/2009/05/05/terminsuche-fur-die-3-thuringer-bloglesung/
Bitte gib in den Kommentaren kurz Bescheid (natürlich unverbindlich), ob du kommen möchtest und kannst, damit wir entsprechend für Platz sorgen können. Begleitung sollte auch kein Problem sein. Bar ist auch vorhanden.
Sei dabei. Auf das die 3. Thüringer Bloglesung so toll wird, wie die letzten beiden.
Liebe Grüße aus Jena
bastih
Und wieder frage ich mich,
wenn doch klar ist, wie es z.B. im Johannesbrief um eine Auseinandersetzung verschiedener Erkenntnisrichtungen ging, wie können wir dann weiterhin einen angeblich zum Logos erhobenen Wanderguru und seine Lehre an den Anfang stellen wollen?
Wann endlich denken wir aufgeklärt über den Logos selbst nach, der am Anfang nicht aus mystischer alter Tradtionslehre, Buchstabengesetzlichkeit abgeleitet wurde, sondern im griechischen Denken eine bekannte Größe war, die aus einem monitischen Weltbild abgeleitet wurde, das heute nur verfeinert ist, empirsch erklärt wird?
Wenn wir die damaligen Denker auch nur halbwegs ernst nehmen, auswerten was wir über die vielfältige Suche nach theologisch begründeter Erneuerung, die beschriebenen Wesenheiten (von Engeln bis Maria als ewige Jungfrau oder Magdalena aus dem Heidenland, den Auferstandenen als erste erkennend, der Bekehrung des Petrus vor dem Pankreationistischen Heiligtum…) wissen, die geamte Lebens- und Leidensgeschichte, alle Wirkungs-Städte und Aussagen theologisch deuten und dabei nicht nur von altmystischem Geschwätz ausgehen, das auf einen jungen Guru und seine Anhänger übertragen wurde, kommen wir doch unmöglich am Logos bzw. der schöpfungswirksamen Vernünftigkeit – Logik allen Lebens – vorbei, um die es nicht nur im Johannesevangelium und -brief ging.
Wann kommen wir durch eine zeitgemäße Wahrnehmung des Logos als gemeinsamen, heute wieder evolutionsbiologisch nachweisbaren Lebenssinn, Logik allen Lebensflusses… über den es nach christlicher Lehre nichts über den Unsagbaren selbst (der dadurch nicht ersetzt wird, wie bei heutiger Christogie, die über Jesus wie einen geheinisvollen Gott spricht) zu sagen gibt? Nicht nur zum ökumunischen Miteinander der verschiedenen Glaubensvorstellungen, sondern auch zwischen heutigen Aufklärungsheiden, die sich z.B. im neuen naturalistischen Atheismus artikulieren und den kirchlichen Dogmen, die verzweifelt nach Bestätigung und Geltung suchen?
Gerhard Mentzel