Menschenfischer Fundraiser
Wenn ich in meinem Beruf als „Fundraiser“ in Pfarr-Konventen oder Kirchengemeinden eine „Einführung ins Fundraising“ durchführe, muss ich in Teilen der Zuhörendenschaft oft mit zwei sehr gegensätzlichen Extrem-Reaktionen umgehen:
Auf der einen Seite sind diejenigen, bei denen beim Stichwort „Fundraising“ sofort das Euro-Zeichen im inneren Auge aufleuchtet, und die denken, ich könnte Ihnen beibringen, wie sie auf sehr unkomplizierte Weise möglichst schnell möglichst viel Geld für die anstehenden Projekte in Ihre Kassen bekommen können. Manchmal habe ich dabei fast den Eindruck, es würde erwartet, ich würde eine Liste mit potentiellen Großspendern aus der Tasche ziehen, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld, und könnte diese je nach Bedarf den Projekten zuteilen.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch diejenigen, welche mir und meiner Arbeit mit großer Abneigung, ja schon fast mit einer Art Ekel begegnen, weil sich diese Arbeit ja nur darum drehen würde, dem schnöden Mammon hinterherzurennen. Sie neigen dazu, dem Fundraising zu unterstellen, es ginge vor allem darum, sich bei möglichst vielen Menschen lieb Kind zu machen oder mit Druck auf die Tränendrüse möglichst viel Mitleid zu erzeugen, mit dem Hintergedanken, dass man diesen Menschen auf diese Weise am besten das Geld aus der Tasche ziehen kann.
Umso erstaunter sind die meisten Zuhörenden dann, wenn ich Ihnen davon erzähle, dass „Fundraising“ zunächst mal damit zu tun hat, Freundinnen und Freunde für die von ihnen verfolgten Projekte zu gewinnen, Menschen für diese Projekte zu begeistern. Und sie sind überrascht, wenn ich Ihnen versuche beizubringen, dass beim kirchlichen Fundraising daher viel eher an „Mission“ gedacht werden solle, als an „Spendenwerbung“.
Das Phänomen Obama
Ich nehme an, dass heute in vielen Predigten der neue Präsident der USA, Barack Obama, eine Rolle spielen wird. Es wird Euch jetzt nicht verwundern, wenn auch ich gerade im Zusammenhang mit dem Stichwort „begeistern“ auf ihn zu sprechen komme.
Er ist für mich ein gutes Beispiel geworden, wenn ich etwas von „Fundraising“ erzählen will. Denn er vermag es, die Menschen zu begeistern.
Hat jemand von Euch die Vereidigung Obamas am letzten Dienstag im Fernsehen verfolgt? Immer wieder schwenkten die Kameras auch durch das Publikum, welches in riesiger Zahl zu diesem Ereignis nach Washington gekommen war, um selbst bei diesem historischen Datum dabei zu sein. Und in vielen Augen waren Tränen zu sehen, Tränen des Glücks und der Begeisterung. Denn ein Traum wurde wahr.
Obama hatte es mit seiner Begeisterungsfähigkeit vermocht, den Menschen Optimismus zu geben und den Traum von der grundlegenden Gleichheit aller Menschen jenseits von Hautfarbe und Herkunft wiederzubeleben. Als erster Präsident mit dunkler Hautfarbe machte er den Traum Martin Luther Kings lebendig, der wenige Jahrzehnte zuvor noch gegen die Diskriminierung Nicht-Weißer Menschen gekämpft hat und dafür ermordet wurde. Nun zieht ein Farbiger als Präsident in das Weiße Haus ein, welches noch von schwarzen Sklaven aufgebaut worden ist, und das sie lange Zeit bestenfalls durch den Dienstboteneingang betreten durften.
Und Obama vermochte es mit seinem Charisma, seiner Begeisterungsfähigkeit, das ganze Land aus seiner Letargie zu reißen. Gerade auch die Jugend. Und es gelang ihm, ihnen das Gefühl zu vermitteln: Ja, wir schaffen es, aus den Schwierigkeiten, in denen wir jetzt stecken, wieder herauszukommen.
Obama gibt den Menschen Hoffnung, statt ihnen andauernd nur zu erzählen, was nicht geht. – Yes, we can!
Und diese Hoffnung, die er den Menschen gegeben hat, diese Begeisterung für das Projekt „Zukunft Amerikas“ hat dann auch dazu geführt, dass sehr viele Menschen bereit waren, etwas von ihrem eigenen Geld in dieses Projekt zu investieren, und den Wahlkampf von Obama mit einer Spenden zu unterstützen. Und das waren nicht nur die „Großen“, die hier gegeben haben, sondern gerade auch viele Kleinspender.
Der ARD-Korrespondent Jörg Schönenborn hat das am Dienstag-Abend in seinem Kommentar zur Amtseinführung Obamas in die Worte gefasst: „Obama hat den Menschen einen Vertrag angeboten: Du machst mit, und ich kämpfe für unsere Überzeugungen. Für ein Recht auf Krankenversicherung, für ein Land, das aufhört Energie zu verschwenden und damit den Planeten zu ruinieren. Im Grunde sind die Millionen Kleinspender so etwas wie Aktionäre, die in Hoffnung investiert haben.“
Begeistern wir und unsere Botschaft?
Warum ich das alles erzähle?
Jesus hat zu seinen Jüngern gesagt: „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde Euch zu Menschenfischern machen.“
Das ist auch zu uns gesagt. Auch wir stehen in der Nachfolge des Nazareners. Auch uns will Jesus zu Menschenfischern machen, zu Menschen, die so begeistert sind und so begeistern, dass sie wie Netze sind, in denen sich die Fische verfangen und nicht mehr davon loskommen.
Die Sache Jesu braucht Begeisterte. Sein Geist sucht sie auch unter uns.
Begeistern wir mit unserer Botschaft, mit unserer „Guten Nachricht“, wie „Evangelium“ auf Deutsch übersetzt heißt?
Ich denke, wir müssen lernen, unsere Träume und Visionen von einer anderen, einer gerechteren, einer friedvolleren Welt, die wir in unseren Herzen tragen, wirklich lebendig werden lassen. In unseren Kirchen muss Gottes lebendiger Geist wehen und spürbar sein, ansteckend, aufrüttelnd – und nicht ein laues Lüftchen, so einschläfernd, wie es manchmal in unseren sehr geregelten bürgerlichen Strukturen wirkt. In unseren Gottesdiensten und Gebeten sollte sich eine Spiritualität entfalten, in denen Gottes Gegenwart, seine Nähe und seine Liebe zu den Menschen spürbar wird.
Sind wir dazu bereit?
Die Jahreslosung für dieses Jahr lautet: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich (Lukas 18,27).
Lassen wir uns anstecken von den Möglichkeiten Gottes. Werfen wir Netze aus in seinem Namen, um Menschen für die Gottesherrschaft einzufangen. Begeistern wir die Menschen von dem, von dem wir begeistert sind. Jeden Tag neu. Yes, we can!
[...] die ihm nachfolgen, aufgetragen Menschenfischer zu sein! (vgl. meine diesbezügliche Predigt “Menschenfischer? Menschenfischer!“). Wir sollen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen, sondern offensiv auf die Menschen [...]