Kennen Sie den Unterschied zwischen Cherubim und Seraphim? Nein? – Dann geht es Ihnen wie mir, als ich mich auf diese musikalische Vesper vorbereitet habe.
Ich habe dann nachgelesen und durfte feststellen, dass der erste Unterschied darin besteht, dass die Seraphim sechs Flügel haben, die Cherubim nur vier. Zudem seien die Seraphim die Engel, die Gottes Thron unablässig das „Kadosh“, das „Heilig“ singend umkreisen. Die Cherubim, die in der Rangfolge den Seraphim folgen, seien dagegen vor allem damit befasst, Gottes Thron zu tragen.
Mit dem 29. September feiern wir den Festtag des Erzengels Michael und aller Engel. Die Erzengel und die restlichen „normalen“ Engel kommen erst ganz am Ende einer streng hierarchisch gegliederten Aufstellung, wenn man den angelologischen Systemen folgen will.
Der Erzengel Michael ist der Namenspatron der Kirche, in der wir regelmäßig die alt-katholischen Gottesdienste in Erfurt feiern: Der Michaeliskirche. Ich nehme an, dass dieser Name damals gewählt wurde, weil die im 12. Jahrhundert erbaute Michaeliskirche anfänglich die Kirche der aus dem jüdischen Glauben zum christlichen Glauben konvertierten Christinnen und Christen war, und Michael als der Schutzengel des Volkes Israel gilt (vgl. Daniel 12,1 & apokryphes Henoch-Buch).
Uns Christinnen und Christen der heutigen Zeit in die Vorstellung von Engeln mittlerweile etwas fern. Und das, obschon sie uns alleine im Neuen Testament an 175 Stellen begegnen, davon alleine 67 mal in der Offenbarung: Sie begegnen uns als Überbringer von Botschaften und Aufträgen Gottes, als diejenigen, welche die Apostel nach Ostern stärken, als Wesen, die Jesus jederzeit zu Diensten stehen, als Begleitung des Menschensohnes beim Vollzug des Endgerichtes, ein paar mal auch als Schutzengel und nicht zuletzt auch als „gefallener“ Engel.
Dennoch haben wir das Spielfeld der Angelologie, der Lehre von den Engeln, eher esoterischen Kreisen überlassen. – Und damit befinden wir uns in guter Gemeinschaft mit der Urchristenheit. In den ersten drei Jahrhunderten gab es im Christentum keine besondere Lehre von den Engeln. Sie wurden zwar mit großer Selbstverständlichkeit als existent angenommen, aber die Frage nach ihnen wurde nicht groß reflektiert. Erst im 6. Jahrhundert tauchte schließlich eine erste systematische Angelologie auf.
Wenn wir uns nun über die Frage Gedanken machen wollen, ob die Vorstellung von Engeln auch heute noch für unseren Glauben eine relevante Größe ist, sollten wir vielleicht ganz einfach bei dem Begriff „Engel“ ansetzen. Übersetzt heißt das griechische Wort „Angelos“, von dem sich unser deutsches „Engel“ ableitet schlicht „Bote“ oder auch „Botschafter“. Ein Botschafter, der immer in der Funktion auftritt, stellvertretend für Gott etwas mitzuteilen. Die Engel repräsentieren die himmlische Welt und ihr Erscheinen ist eine Offenbarung der jenseitigen Welt in die irdische Welt hinein. Eine Offenbarung des Reiches Gottes mitten in unserer Welt. Der Beginn von Heil in unseren unheilen Strukturen.
Ich denke, in vielen Vorstellungen von Engeln drückt sich dann auch diese Sehnsucht aus: dass dieses Heil Gottes in seiner Fülle hier und jetzt geschehen möge, und nicht nur etwas Jenseitiges ist, auf das wir uns vertrösten lassen müssen.
In solch einer verständlichen Sehnsucht nach der Fülle des Heils, nach absoluter Reinheit und Geisterfülltheit erinnert uns der Theologe und Schriftsteller Fulbert Steffensky allerdings auch daran, dass Jesus selbst nicht unbedingt engelhafte Züge trägt: „Was ist schon engelhaft an einem, der in einem Stall geboren ist; der seine staubigen Lebenswege geht; der versucht werden konnte wie wir alle und der umgebracht wird wie viele von uns. Die Engel sind die Fernen, die Leidlosen, die Starken und die bisweilen Schrecklichen. Sie mögen helfen, zumindest hier und da. Aber sie sind keine Geschwister. Geschwisterlich ist nur ein Wesen, das leidet wie wir selber; das liebt, wie wir lieben, und das stirbt, wie wir sterben.“
Vielleicht ernüchtern diese Worte etwas, aber sie setzen den Glauben auch mit beiden Beinen wieder auf den Boden der Realität, den man über dem Phantasieren über die Welt der Engel vielleicht unter den Füßen zu verlieren droht.
Uns Christinnen und Christen ist es mitgegeben, dem Nächsten zur Schwester und zum Bruder zu werden. In Worten und Taten, die mit dem ganz realen Leben, und dem Leid, was es nur zu häufig mit sich bringt, zu tun haben.
Schenken wir der Gewissheit, dass Gott auf diesem Weg der Nachfolge mit uns ist, uns stärkt und bewahrt, was sich in der Vorstellung von den Schutzengeln ausdrückt, doch ganz einfach Bodenhaftung. Eine Bodenhaftung, mit deren Hilfe wir selber alle zu Engeln werden, zu Botschaftern von Gottes Heil in dieser Welt, zu Offenbarungen von Gottes Reich auf dieser Erde. Indem Menschen durch unsere Blicke, unsere Liebe, unsere Barmherzigkeit und Weitherzigkeit, und nicht zuletzt durch unser anpackendes Tun erfahren, dass Gott präsent ist, dass wir in allem Unheil – wie Dietrich Bonhoeffer das ausdrückte – immer auch von guten Mächten wunderbar geborgen sind, behütet und getröstet wunderbar.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Wenn Jesus wiederkommen würde… die Menschen würden ihn wieder ans Kreuz nageln.
@ 1leben
herzlichen dank für diese kritische rückmeldung, die ich sehr gut verstehen kann angesichts der realität des menschlichen zusammenlebens – oder sollte ich vielleicht besser vom gegeneinander-leben schreiben? für uns christinnen und christen sollte das aber kein grund zur frustration sein, sondern eine motivation, um so mehr zu zeichen von christi liebe zu dieser welt mit all ihren unzulänglichkeiten zu sein und uns dabei von ihm getragen zu wissen
herzlich
walter