Diener sein – was heißt das?
Es gibt Personen die behaupten von sich, anderen zu dienen, und tun dies doch oft mit einem Herrschafts- und Machtbewusstsein, vor dessen Hintergrund sich die Unterscheidung der Begriffe Diener und Herrscher vollkommen aufzulösen scheinen.
Da wird Herrschaft und Macht über andere Menschen ausgeübt. Da werden die Mitmenschen hemmungslos ausgenutzt, ausgebeutet. Da wird uneingeschränkter Gehorsam gefordert. Da wird – bewusst, aber vielleicht auch sehr häufig unbewusst – eine dienende Rolle vorgetäuscht. Da verbirgt sich hinter dem scheinbaren Dienst die Eitelkeit einer nach Aufmerksamkeit heischenden Persönlichkeit, die eigentlich vorrangig eigene Ziele verfolgt.
Vielleicht spielt auch unseren beiden Jüngern Jakobus und Johannes da die eigene unterbewußte Eitelkeit einen Streich, wenn sie die Sitze zur Rechten und zur Linken Jesu erbitten.
Denn wenn man diese Bitte in ihrem vollen Gewicht verstehen will, ist es wichtig, zu wissen, dass es sich hier um ganz besondere Plätze handelt: Die Jünger gehen davon aus, dass es sich bei Jesus um den im alten Testament angekündigten Menschensohn handelt, der Gericht über Israel halten wird. Die Plätze zu seiner Rechten und zu seiner Linken sind zwei hervorgehobene Richterstühle, auf denen Jakobus und Johannes dann gemeinsam mit Jesus Gericht über das unbußfertige und nicht umkehrwillige Israel halten würden.
Die beiden Jünger wollen also selbst Gericht halten und verurteilen. Und sie wollen in hochmütiger Art und Weise denen, die nicht Jesus nachfolgen und von denen sie vielleicht sogar verspottet wurden, zeigen: „Sehr ihr, wir haben doch Recht gehabt. Das habt ihr jetzt davon. Jetzt sind wir die Richter über Euren Unglauben!“ – Und es wäre wohl anzunehmen, dass unter solchen Voraussetzungen das Urteil nicht gerade milde über die Nicht-Glaubenden ausfallen würde.
Jesus entwirft im heutigen Evangelium eine andere Idee des Umgangs miteinander – auch des Umgangs mit demjenigen, den wir als unseren Gegner identifizieren zu meinen müssen.
Er zeigt eine Struktur auf, in der alle einander demütigen Herzens zu Diensten sind, keiner in besonderer Art und Weise unter den anderen hervorgehoben. Und er ermuntert dazu, sich selbst zu erkennen; sich selbst verstehen zu lernen und sich selbst einzugestehen, wo die Motivationsstrukturen für das eigene Tun begründet liegen; beim Blick auf sich selbst zu sehen, wo man selber Groß und Erster sein will.
Eine solche Selbsterkenntnis ist ein mühsamer Prozess, der mit Überraschungen über sich selbst gepflastert sein kann. Aber ich denke: Nur wenn man diesen Weg geht und sich selbst erkennt, wird man in der Lage sein, die eigene der Gemeinschaft dienenden Aufgaben nicht zu einer Herrschaft über andere werden zu lassen, sondern wirklich zu einem Dienst.
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