Anglikanisches “Was bin ich?” – Die Kirchenstruktur als Hintergrund der anglikanischen Krise

Seit gestern ist die Lambeth-Konferenz der anglikanischen Bischöfinnen und Bischöfe mit einem Gottesdienst in der Kathedrale von Canterbury offiziell eröffnet worden. Die ersten Tage seit dem Start am 16. Juli dienten noch dem gegenseitigen Kennenlernen, dem gemeinsamen Gebet, der gemeinschaftlichen Reflexion der Bibel.

Der Hintergrund, vor dem die Lambeth-Konferenz nun diskutiert, sind nur vordergründig die Frage der Frauenordination resp. der Zulassung von Frauen für den bischöflichen Dienst (vgl. “Demnächst: Bischöfinnen in der Kirche von England“) sowie die Frage des Umgangs mit Homosexualität und/oder homosexuellen Amtsträgerinnen & Amtsträgern. Im Hintergrund schwebt meines Erachtens die grundlegende Frage nach der Kirchenstruktur, nach welcher die Anglikanische Weltgemeinschaft aufgebaut ist.

Dorothee Hahn, Priesterin der Anglikanischen Gemeinde in München und Vorsitzende der dortigen Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) hat dies vor über zwei Wochen gegenüber dem Kölner Domradio in einem Interview so formuliert: “Die Frage, die im Hintergrund steht, ist eigentlich die Frage: Wie versteht sich die anglikanische Kirche in ihrer Funktion als Kirche. Und das ist das Hauptproblem. In welcher Form wird zum Beispiel Autorität gehandhabt innerhalb der Kirche. Es hat hier eine Einzelkirche innerhalb der anglikanischen Kirchengemeinschaft eine Entscheidung getroffen mit der Ordination eines Homosexuellen zum Bischofsamt [Anm.: Damit ist Bischof Gene Robinson, Bischof von New Hampshire (USA) gemeint], und das wurde von einem Teil der anderen nicht akzeptiert. Und das ist eigentlich der Hintergrund des Problems: Inwieweit kann eine Teilkirche eine Entscheidung treffen, die zunächst mal nur für sie selber gilt – aber die natürlich Auswirkungen hat, gerade beim Bischofsamt, welches ein Amt der Einheit ist. … Der Zentralpunkt ist aber, eine Möglichkeit zu schaffen, überhaupt erst mal zu definieren: Wie verstehen wir uns als Kirche. Was sind Basislehren, die nicht verändert werden dürfen. Und was sind Lehren, in denen die Teilkirchen auch eine gewisse Freiheit der Ausübung haben. Die konservative Gruppierung [Anm.: Die sich vor der Lambeth-Konferenz in Jerusalem getroffen hatten - vgl. "Droht Spaltung bei den Anglikanern?"] stellt sich bestimmte Formen vor, die sehr Autoritär sind, die aber in der bisherigen Geschichte der anglikanischen Kirche kein Teil waren. … Wir haben den zentralen Begriff der “Comprehensivness”, … eine Bereitwilligkeit, bestimmte Abweichungen auch in der Lehre zu akzeptieren untereinander … das ist ein ganz zentraler Punkt der anglikanischen Kirche, der auch für alle Teilkirchen gilt und von daher auch nicht außer Acht gelassen werden darf.” Für Reverend Hahn ist dies bereits ein mehrere jahrzehnte alter Streit, der immer wieder aufbricht (das gesamte Interview hier als Audio-Datei: “Das Hauptproblem ist ein anderes“).

Erzbischof Rowan Williams, das Ehren-Oberhaupt der anglikanischen Weltgemeinschaft, bemüht sich bereits seit längerer Zeit einen solchen “Grundkonsens unverbrüchlicher Glaubensüberzegungen der anglikanischen Lehre” zu vereinbaren. Allerdings wird der Vorschlag, den Williams unter dem Titel “Anglican Covenant” vorgelegt hat, von den Traditionalisten abgelehnt, da er sich zu sehr auf die Kirche als Institution konzentriere und darüber die Lehren der Schrift vernachlässige. Bedauerlicherweise haben die Traditionalisten zudem noch vor dem gestrigen Gottesdienst in der Kathedrale von Canterbury eine Erklärung veröffentlicht, in der sie den liberalen Kräften eine falsche Lehre und Sünde im Namen des Christentums vorwerfen.

Ich fände es sehr gut, wenn die anglikanische Weltgemeinschaft in Lambeth zu der sie auszeichnenden geschwisterlichen Einheit in ihrer Verschiedenheit stehen könnte. Sie ist für mich ein Vorbild, wie auch die Ökumene zwischen den Konfessionen aussehen könnte: Miteinander Christus nachfolgen, gemeinsam das Brot brechen, uns um die Bedürftigen kümmern und die Welt Gottes Heil spüren lassen – auch dann, wenn wir in Einzelfragen vielleicht unterschiedlicher Meinung sind.

Foto: ACNS/Sweeny – Ein Mitren-Shop auf der Lambeth-Konferenz – Quelle: www.flickr.de

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