Gott wirkt – Predigt zu Jesaja 55,10-11 mit Römer 8,18-23 & Matthäus 13,1-23

Der aktive Gott

Ich hatte die Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja schon oft gehört oder gelesen, zur Kenntnis genommen und mich dann doch immer wieder mehr mit dem Evangelium beschäftigt, welches die Leseordnung für den heutigen Sonntag vorsieht.

Bei der Vorbereitung auf den heutigen Gottesdienst bin ich aber diesmal bei dem Jesaja-Text hängen geblieben. Wie ein Widerhaken blieben die Worte des alttestamentlichen Propheten in meinen Gedanken hängen: Gottes Wort bewirkt das, wozu es ausgesandt wurde.

Denn den Worten des Jesaja, in Verbindung mit der grundsätzlichen Auffassung von einem diese Welt liebenden und barmherzigen Gott, wie wir Christinnen und Christen ihn verkünden, von einem Gott, der unser Heil will, die Heilung all dessen, was verletzt ist, scheint die Realität zu widersprechen.

Wir brauchen nur in die Zeitung zu schauen: Leid, Hunger, Elend, Umweltzerstörung, Mord, Krieg, Egoismus, Profitgier rings auf diesem Erdenrund. Und oft genug hat man den Eindruck: Es geht nichts voran – zumindest nicht im Guten. Vielmehr tauchen immer weitere Schwierigkeiten auf.

Und auch die Kirchen selber legen ja nicht gerade ein herausragendes Zeugnis von Gottes Heilswillen für diese Welt ab. Statt im jungen dritten Jahrtausend nach Christus endlich Wege einzuschlagen, welche die Kirchen wieder zur versöhnten Einheit in ihrer Vielfalt zusammenführt, droht jetzt eine Spaltung in der mit unserer Alt-Katholischen Kirche eng verbundenen Anglikanischen Kirchengemeinschaft: Die konservativ-traditionalistischen Kräfte, welche schon lange erhebliche Bauchschmerzen mit der Frauenordination und einem liberaleren Umgang mit homosexuell empfindenden Menschen haben, haben sich Ende Juni in Jerusalem getroffen und sind nun dabei, eigene kirchliche Parallel-Strukturen zur anglikanischen Mutterkirche aufzubauen.

Angesichts all dessen fragt man sich natürlich: Was bewirkt das Wort Gottes? Wo ist hier Heil, Heilung zu erkennen? Wo bleibt Gottes verheißenes Reich?

In mir als christlichem Idealisten brennt da häufig eine riesige Ungeduld. Die Leidenschaft für das Reich Gottes ist für mich auch ein Leiden an den nur geringen Fortschritten, die ich auf dem Weg dorthin wahrzunehmen glaube.

Und das durchaus nicht nur beim Blick auf die Verhältnisse der Welt oder die Fehler und Mängel von Menschen und menschlichen Strukturen – sondern gerade auch im Blick auf meine ganz eigenen Unzulänglichkeiten und Defizite.

Der andere Gott

Ich glaube, es tut in solchen Fällen ganz gut, wenn man lernt, sich selber nicht allzu ernst zu nehmen, sondern die Fähigkeit gewinnt, auch mal über sich selber zu lachen. Man muss Pflicht, Ordnung und Verbesserung der Welt auch mal links liegen lassen können, und statt dessen feiern und das Leben genießen. Gelassener werden – und vor allem auch darauf vertrauen, dass nicht ich es bin, der das Reich Gottes vollenden wird, sondern Gott selbst.

Vielleicht ist es in solchen Situationen gut, sich auch klar zu machen: Gott ist nicht dazu da, unseren Vorstellungen zu entsprechen. Und was weiß ich schon wirklich davon, wie die Heilsgeschichte Gottes mit dieser Welt aussieht? Ich mag eine idealistische Idee vom Reich Gottes haben. Aber ob diese tatsächlich dem Reich Gottes entspricht, welches Gott selbst mit seinem Heilswillen im Blick hat?

Mir und allen anderen, die mit auf diesem Weg sind, bleibt ein Ringen um den rechten Weg, um das rechte Verstehen dessen, was Gott mit jeder und jedem einzelnen von uns in dieser Welt vor hat – und im letzten ein Vertrauen auf Gott und darauf, dass er auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann, dass wir keine Perfektionisten sein müssen, sondern mit all dem wie wir sind, und gerade auch mit unseren Unvollkommenheiten, von Gott angenommen und geliebt sind.

Vielleicht hat Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom auch dieses Ringen mit sich selber im Blick gehabt, als er schrieb: „Wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir … seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Kinder Gottes offenbar werden.“

Ich denke: Durch eine zu scheuklappenartige Fixierung auf das Ziel der Vollendung des Reiches Gottes übersieht man auch sehr schnell die vielen kleinen Heils-Zeichen auf dem Weg, die Mut und Zuversicht geben können, weil in ihnen Gottes Heil – manchmal sehr unvermittelt – in Mitten unserer unheilen Welt aufbricht. Gottes Spuren auf unseren Menschenstraßen. Hoffnung, die wir fast vergaßen.

Es sind oft genug nur Momente und flüchtige Zeichen, aber sie sind wertvoll, denn sie sind Sonnenstrahlen und Regentropfen, welche die Saat und unser Acker brauchen, um die Samen, die Gott in unsere Herzen eingesät hat, aufkeimen und wachsen zu lassen. Augenblicke, in denen die Zeit still zu stehen scheint, und in denen man aller Sorgen über gestern und morgen frei nur noch im hier und jetzt ist.

Der geduldige Gott

Unser Gott ist ein geduldiger Gott. Er lässt uns wachsen, so wie er den Samen wachsen lässt, den der Sämann im heutigen Gleichnis aussäht.

Das Wort Gottes ist in unsere Herzen eingesät. Und sicherlich ist es auch an uns, ob wir unsere Herzen zu einem ausgetretenen Weg oder zum felsigen Boden machen, ob die Saat bei uns unter die Dornen fällt, oder auf fruchtbaren Ackerboden und Frucht bringt. Aber: Gott gibt diesem Samen Zeit zum Wachsen. Der Same wird nicht ausgesät, und sofort muss die hundertfache Frucht da sein.

Genau so braucht auch das Reich Gottes seine Zeit zu wachsen. Wir müssen die wachsenden Ähren in unseren Herzen pflegen und düngen, durch Gebet, Einkehr und die Besinnung auf Gottes Wort. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott selbst diesen Ähren Sonne und Regen schenkt, ohne den die beste Aussaat nicht gedeihen kann. Dann kann Frucht wachsen, die sich in dem aus unserem Glauben erwachsende konkrete Handeln in dieser Welt ausdrückt.

Der herausfordernde Gott

Vielleicht kann das Leid, welches wir erleben oder sehen, dabei für uns auch eine Herausforderung sein, an der wir unsere Kräfte entdecken können, die Kräfte, die Gott selbst in uns gelegt hat. Wenn uns alles glatt von der Hand gehen würde, würden wir wahrscheinlich ziemlich träge werden.

Ihr kennt sicherlich die Bilder, auf denen ein Schlaraffenland gezeigt wird: Den Menschen fliegt zwar das leckerste Essen und Trinken in den Mund, aber sie liegen im Regelfall auch nahezu bewegungslos auf ihrem Rücken und der Bund der Hose spannt über einem dicken Bauch. Kommunikation findet nicht statt, denn man ist ja mit Essen beschäftigt oder verdaut gerade bei einem Schläfchen. Aber ist das nicht furchtbar langweilig? Man braucht seinen Körper nicht anstrengen, seinen Kopf erst recht nicht. – So gern ich essen und trinke und genieße: Das Schlaraffenland wäre für mich kein Paradies.

Und sicherlich kann uns die Erkenntnis unserer eigenen Unvollkommenheit dazu dienen, zu verstehen, dass Gott gerade auch das Unvollkomme liebt, das Unfertige, das Bruchstückhafte.

Bischof Joachim hat bei meiner Diakonatsweihe in Bezug auf die am Beginn der Bergpredigt stehende Seligpreisung der „Armen im Geiste“ gesagt: „Das sind wohl diejenigen, die sich in ihrer Gesinnung und Selbstwahrnehmung nicht länger etwas vorgaukeln, sondern die aus innerer Größe und Gottvertrauen zu dem stehen, was sie sind, diejenigen, die ihre Armut, ihr Nichts-haben vor Gott und im Verhältnis zu Gott anerkennen.“ Erst wenn wir das beherzigen würden, könnten wir auch die anderen Seligpreisungen verstehen.
„Stark werden dadurch, dass man die eigene Schwachheit erkennt, groß werden dadurch, dass man die eigene Winzigkeit erkennt, sicher werden dadurch, dass man die eigenen Unsicherheiten spürt, empfindsam werden für die Unzulänglichkeiten anderer dadurch, dass man die eigene Unzulänglichkeit empfindet und dieses Vakuum anfüllen lernt durch Vertrauen in Gott.

Wenn dieser erste Schritt getan ist, die Annahme der eigenen Armut im Geiste, gelingen uns Schritte auf dem Weg zu unserer Heilung und zur Heilung anderer, und Schritte zu unserem Heil und zum Heil anderer.“
Und er fügt hinzu: „Genau an diesem Punkt gelingt … die Kernschmelze zwischen Reich Gottes ‚Jetzt‘ und Reich Gottes im Jenseits unserer kleinkarierten Begrifflichkeiten.“

Foto: McPain – Quelle: www.flickr.de

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