Als ich das Evangelium des heutigen Gottesdienstes zum ersten Mal bei der Vorbereitung auf den heutigen Gottesdienst gelesen habe, hat es mich regelrecht wütend gemacht. Denn der Text des heutigen Evangeliums ist für viele Menschen eine echte Zumutung.
Ich denke dabei an das Viertel der Bevölkerung, welche nach dem in der vergangenen Woche vorgelegten Armutsbericht der Bundesregierung entweder in direkter Armut lebt oder unmittelbar davon bedroht ist. Sie dürften erhebliche Schwierigkeiten haben, wenn man ihnen diesen Text in ihrer Situation als „frohe Botschaft“, als Evangelium verkündet.
Und was sollen erst die Menschen in Birma und China dazu sagen, die von Naturkatastrophen unermesslichen Ausmaßes getroffen wurden – in Birma auch noch verknüpft mit einer Militärdiktatur, die aus Angst vor möglichen demokratischen Keimen, die einwandern könnten, bis letzten Freitag nahezu keine ausländische Hilfe ins Land und lieber die eigene Bevölkerung elendiglich zugrunde gehen hat lassen – und ob die ausländische Hilfe jetzt auch wirklich unproblematisch ins Land kommt, wie jetzt angekündigt, ist immer noch nicht wirklich klar.
Wie sollte ich denn von solchem Leid betroffenen Menschen etwas davon erzählen, dass sie sich nicht um Essen und Trinken oder um ihre Kleidung zu sorgen brauchen, weil doch der himmlische Vater sie schon ernähren und kleiden wird? Wenn ich das täte: Es wäre für mich an Zynismus schon fast nicht mehr zu überbieten.
Haben wir es hier daher vielleicht mit einem Fall jesuanischer Wirklichkeitsverdrängung zu tun? Warum fordert er die Armen schon fast zu einer vertröstenden Sorglosigkeit auf? Will der Nazarener in seiner berühmten Bergpredigt, aus der die heutige Passage entnommen ist, nicht wahrhaben, dass es Bedürftigkeit und reale Armut gibt, die sich auch durch noch so großes Vertrauen in Gott nicht beseitigen läßt?
Oder bin vielleicht ich einer der erwähnten Kleingläubigen, und kann die göttliche Hilfe nicht erleben, weil ich zu wenig in Gott und seine Hilfe vertraue?
Schwere Kost für Kapitalisten
Doch nach längerem Nachdenken ging mir dann auch durch den Kopf: Nicht nur die Bedürftigen dürften ein Problem mit diesem Text haben. Sondern auch reichen und wohlhabenden Menschen wird dieser Text nicht gerade schmecken.
Denn diese Worte Jesu sind ein sehr deutlicher Aufruf dazu, nicht allzuviel Wert auf Besitz zu legen: Meine Aktien, mein Häuschen, meine Jacht. Hier wird davon erzählt, dass man mit allem Geld dieser Welt keine Schönheit kaufen kann, und dass selbst die Lilien auf dem Feld viel schöner gekleidet sind, als Salomo in seiner sprichwörtlichen Pracht es je gewesen sei.
Das stört. Diese Erkenntnis ist unangenehm, wenn man bislang eigentlich in dem Glauben gelebt hat, dass Geld die Welt regiere, dass Vermögen das ist, was einzig Sicherheit bietet, dass man sich mit dem nötigen Kleingeld alles, ja, wirklich alles kaufen kann.
Und solch ein Glaube ist in einer Marktwirtschaft ja durchaus weit verbreitet. Jedenfalls viel weiter als der Glaube an einen liebevollen und sorgenden Gott. Die Marktwirtschaft und der Kapitalismus in denen wir leben basieren notwendig auf diesem Glauben an die Regentschaft der klingenden Münze.
Eugen Drewermann hat es trefflich beobachtet: Wenn man in der Archäologie die Baudenkmäler von alten Kulturen ausgräbt, wird man im Regelfall vor allem Tempel oder religiöse Kultstätten als besonders herausragende Bauten entdecken. Wenn unsere Nachfahren einst die herausragenden Baudenkmäler unserer Epoche archäologisch herausarbeiten, werden sie vor allem die Reste unserer bevorzugten Kultstätten entdecken: die Fundamente von Banken und Versicherungen.
Der Mensch ist geliebt und wertvoll
Ich glaube daher, dass der Sinn des Textes nicht die Aufforderung zu einem naiven Vertrauen auf Gott ist. Der eigentliche Sinn des Textes ist der Aufruf, sich von der Religion des Geldes zu befreien, und statt dessen den Wert des eigenen, persönlichen Lebens wiederzuentdecken. Den Wert dessen wiederzuentdecken, den Gott mit jedem einzelnen Menschen erschaffen hat.
Der Mensch hat in den Augen Gottes einen Wert, der gegen jede Kapitalisierung verteidigt werden muss, und sich nicht in Cent und Euro, Aktien und Fondspapieren, Immobilien und Luxusjachten ausdrücken lässt.
Die Alternative „Gott oder Mammon“ ist kein Aufruf zur Askese, sondern ein Aufruf zur Entscheidung zwischen Freiheit und Sklaverei. Wenn man sich für das Geld entscheidet, daran sein Glück hängt und seinen individuellen Wert vom eigenen Vermögen abhängig macht, wird man am Ende ein Skalve des Kapitals. Wenn man sich dagegen für Gott entscheidet, für die Arbeit an seinem Reich und für die Gerechtigkeit, dann entscheidet man sich für die Freiheit. Denn man entscheidet sich für den Menschen, den Gott geschaffen hat. Man entscheidet sich für sich selber, wo wie Gott einen gewollt hat. Wer so Gott dient, wird von diesem nicht versklavt.
Die Angst, ein Nichts zu sein
Das Geld bekommt eine wahnsinnige Macht über uns, wenn wir uns von ihm ein Gefühl von Sicherheit vorgaukeln lassen, das Gefühl, dass wir mit Euro und Cent alle Werte dieser Welt einkaufen können.
Vielleicht suchen wir solche Sicherheiten, weil wir uns vor Alter, Vergänglichkeit und Krankheit fürchten. Davor, nicht mehr geachtet zu werden, unwichtig zu werden, ein Nichts, ein Niemand. Ich glaube, ein solches Gefühl der Wertlosigkeit zu empfinden ist ganz einfach schrecklich.
Dabei muss der Mammon, den wir hier verehren, für den wir uns selber opfern, übrigens nicht unbedingt ein in Heller und Pfennig ausdrückbarer Wert sein. Das kann auch so etwas sein, wie immenses Engagement für eine Sache und das Ansehen, welches man dadurch erhält. Auch hier versucht man sich aus der Masse der Vielen herausheben und einen besonderen Platz einzunehmen, der einen zum einzigartigen Individuum macht, dessen Verlust eine nicht schließbare Lücke hinterlassen würde. Gerade auch der Stand eines Geistlichen in der Kirche, insbesondere in den katholischen Traditionen, birgt hier eine große Versuchung in sich.
Aber das, was wir im Endeffekt alle suchen, können wir weder mit noch so viel Geld noch mit übergroßem Engagement kaufen: Liebe. Echte Liebe. Die kann man nur geschenkt bekommen. – Und jeder, der liebevolle Eltern oder die Liebe einer echten Partnerschaft erleben durfte, weiß, dass diese Liebe selbst in den zerbrechlichen Gefäßen unserer menschlichen Herzen bedingungslos und überströmend sein kann.
Eine solche Liebe schenkt uns das Gefühl, nicht nebensächlich und beliebig zu sein auf dieser Welt, nicht ein austauschbares etwas. Geld kann uns eine solche Liebe nicht kaufen. Und Geld kann uns solch ein Gefühl nicht vermitteln. Ein Milliardär ist durch einen anderen austauschbar, denn nicht er wird geliebt, sondern sein Reichtum. Ein geliebter Mensch ist nicht austauschbar – er ist einzigartig.
Und genau diese Liebe schenkt uns Gott. Er hat uns als einzigartige, unverwechselbare, nicht austauschbare Lebewesen erschaffen, er hat – wie ich es in Anlehnung an Anselm Grün sehr gerne ausdrücke – mit jeder und jedem einzelnen von uns ein ganz einzigartiges Wort in diese Welt hinein gesprochen. Und er will, dass dieses Wort hörbar wird, dass wir den Menschen finden, den er mit uns gemeint hat – und wer hier jetzt das Wort „Berufung“ mit hört, der hört ganz richtig.
Liebe will nicht verändern, Liebe will entdecken
Genau das ist es nämlich auch, was echte Liebe ausmacht: Echte Liebe will den geliebten Menschen nicht verändern, sondern den Menschen entdecken, der das geliebte Gegenüber ist – mit allen Unterschieden, die es hier zu entdecken gibt.
Wenn wir uns für Gott entscheiden, dann können wir den Menschen finden, den Gott mit uns geschaffen hat. Dann können wir unsere Berufung finden.
Und das ist meistens ein längerer Prozess des Suchens und Findens, denn es gibt so viele Faktoren in unserer individuellen Entwicklung, die unsere Ohren für das Wort Gottes verstopfen, welches er mit uns gesprochen hat.
Wenn wir diesen Menschen auf Gott und seinen Heilswillen für uns vertrauend gefunden haben, wenn wir unserer Berufung folgen, heißt das aber dennoch nicht, dass wir keinerlei Schwierigkeiten haben, dass alles glatt geht, dass wir kein Leid erfahren werden. Das hat er uns, denke ich, in Jesus Christus selber, im Kreuz des Karfreitags, unmißverständlich gezeigt.
Aber wir werden unseren Weg mit Gott gehen und dürfen uns daran freuen, dass wir gerufen sind, an seinem Reich mitzubauen mit unserer Kraft. Und wir können darauf vertrauen, dass er im tiefsten Leid, in der größten Verlassenheit, immer bei uns sein wird.
Denn unser Gott ist immer nur ein Gebet weit entfernt.
Foto: viernullvier – Quelle: www.flickr.de

0 Antworten zu “Sorget nicht!? – Predigt zu Matthäus 6,24-34”