Aufgeklärt begeistert – Predigt zu Apostelgeschichte 2,1-13

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat einmal gesagt: „Alle reden von Kommunikation, aber die wenigsten haben sich etwas mitzuteilen.“

Der Text, den wir gerade vorhin aus der Apostelgeschichte gehört haben, redet auch von Kommunikation. Aber diese Kommunikation hat etwas mitzuteilen. Denn sie ist inspiriert durch den Heiligen Geist. Die Jünger werden vom Gottes-Geist aus ihrem Versteck getrieben und müssen die frohe Botschaft von Jesus, von Gottes Wirken auf Erden weitererzählen. Sie können schon gar nicht anders.

Dieser Text wird daher auch häufig als die „Geburtsstunde der Kirche“ bezeichnet. Denn durch solch begeistertes Weitererzählen der frohen Botschaft haben sich Menschen auch selbst begeistern lassen, anstecken lassen von der Nachricht, dass Gott als Mensch unter den Menschen gelebt hat, und ihnen gezeigt hat, dass das Reich Gottes bereits angebrochen ist mitten unter uns.

Das Wunder der Verständigung

Das besondere an dieser Geschichte ist dabei, dass es den versammelten Jüngern gelingt, sich verständlich zu machen.

Und das nicht nur durch diese beneidenswerte Fähigkeit, dass sie durch den heiligen Geist begabt scheinbar auf einmal in fremden Sprachen zu reden vermögen und auf diese Weise von den vielen Menschen in ihren unterschiedlichen Sprachen verstanden werden.

Sondern darüber hinausgehend ja auch so, dass von zahlreichen der Anwesenden überhaupt die grundlegende Botschaft der Jünger verstanden wird: Die Botschaft vom auferstandenen Christus, der den Tod überwunden hat und nun in seinem heiligen Gottes-Geist mitten unter den Menschen wirkt.

Ich betrachte das nicht gerade als selbstverständlich, dass eine solche Kommunikation gelingt. Für mich ist das ein echtes Wunder einer begeisterten und begeisternden Kommunikation. Denn wenn ich es nüchtern betrachte, muss ich feststellen, dass dies den etablierten Kirchen, uns Christinnen und Christen heute viel zu häufig gar nicht mehr gelingt.

„Das gehörte Wort geht verloren, wenn es nicht vom Herzen verstanden wird“, hat Chrétien de Troyes, ein altfranzösischer Autor des 12. Jahrhunderts formuliert. Vielleicht ist dieser Satz einer der wichtigsten Schlüssel dafür, dass es uns so oft nicht recht zu glücken vermag, mit vielen der uns umgebenden Menschen so zu kommunizieren, dass sie vom Gottes-Geist entzündet werden.

Wir müssen unsere Botschaft nicht nur so vermitteln, dass sie die Ohren und das intellektuelle Verstehen der Menschen erreicht, sondern wir müssen sie so vermitteln, dass sie von den Herzen der Menschen verstanden werden kann. – Wir müssen versuchen, sie so zu vermitteln, dass sie be-geist-ert.

„Hier kann ich Gott begegnen“

Vielleicht haben die vom Geist entzündeten Jünger ganz einfach vermocht, eine Sprache zu sprechen, in der die Zuhörenden das Gefühl haben: Von diesen Menschen werde ich verstanden, die sprechen meine Themen an, die wissen, wie es mir geht, worum es mir geht. Bei diesen Menschen habe ich das Gefühl, dass ich bei ihnen Gott begegnen kann, dass Gott mit ihnen ist.

Dieser Wunsch, wirklich verstanden und angenommen zu werden, ist ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen. Der Wunsch vom Nächsten verstanden und angenommen zu werden. So wie es, selten genug, in einer gelingenden Partnerschaft passieren kann. Und darin verborgen im letzten der Wunsch, von Gott selbst verstanden und vorbehaltlos angenommen zu werden.

Und genau mit diesem Wunsch scheitern Menschen häufig sowohl bei der Institution Kirche als auch bei der Theologie.

Denn die Institution Kirche wirkt oft genug mehr wie ein bürokratischer Apparat, statt an den charismatischen Wanderprediger aus Nazaret zu erinnern, in dem Gott sich uns geoffenbart hat. Und wenn ich mir die Art und Weise anschaue, wie sich die Kommunikation in kirchlichen Zusammenhängen anhört, dann ist da manchmal sehr wenig Herzlichkeit und Liebe zu spüren, sondern eher die Kälte und Formalität eines Beamtenapparates.

Jesus hat das Reich Gottes verkündet. Gekommen ist die Kirche. Da ist was wahres dran. Und es muss uns beschämen, dies bei nüchterner Betrachtung so konstatieren zu müssen.

Und die Theologie? Als Jesus seine Jünger fragte: „Für wen halten mich die Leute?“, da antwortete einer von ihnen: „Du bist die Manifestation unseres eschatologischen Wesensgrundes, die Verkündigung, die sich kundtut im Konflikt, eine Person göttlicher Ontologie, verschlungen in der perichoretischen Einheit des trinitarischen Gottes.“ Und Jesus antwortete: „Äh? Wie bitte?“

Ich denke, diese Überspitzung trifft das, was ich sagen will: Wir Theologinnen und Theologen sind mit unseren philosophischen Gedanken vielleicht manchmal doch recht weit weg von der Realität der Menschen. Kommen die Menschen in unserer Theologie vor? Kommen sie in unseren Predigten vor? Können sich die Menschen wiederfinden? Begegnet ihnen Gott in unserem Reden und Tun? Oder sind wir nicht doch manchmal etwas sehr abgehoben?

Mystik & Rationalität

Ich glaube, wenn wir als Menschen der Kirche die Menschen mit der Botschaft des Glaubens erreichen wollen, die auf der Suche nach Gott sind, dann müssen wir eine ähnliche Begeisterungsfähigkeit entwickeln, wie die pfingstliche Jüngerschar. Um darüber allerdings nicht den Boden unter den Füße zu verlieren, wird es wichtig sein, diese Begeisterung auch immer mit Rationalität zu verknüpfen.

Mir schwebt so etwas vor wie eine „aufgeklärte Begeisterung“, auch wenn es so klingt, als wäre es ein Widerspruch in sich selbst.

Auf der einen Seite eine mystische Kirche sein, eine Kirche von Menschen – um es mit Karl Rahner zu sagen – , denen man anspürt, dass sie etwas mit Gott erlebt haben, auch wenn sich das nicht rational erfassen lässt, sondern unbegreifbar bleibt. Eine Kirche, in der Gottesbegegnung möglich ist. Eine Kirche, in der nicht gleich alles erklärt und zerredet werden muss.

Aber gleichzeitig eine Kirche von Menschen, die sich selbst, die eigenen Traditionen, die eigene Denkweise immer wieder auch rational kritisch in Frage stellen. Eine Kirche von Menschen, die keine der Strukturen, die wir selbst uns gegeben haben, als absolut unverrückbar betrachten, sondern in dem Bewußtsein leben, dass wir auf dem Weg zum Reich Gottes sowohl als Individuen als auch als Gemeinschaft immer reformbedürftig sind und bleiben.

Und vielleicht sind wir mit unserer Gemeinde und mit unserer Kirche ja schon auf dem Weg dorthin.

Foto: hannelore hennahar – Quelle: www.flickr.de

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