Eine Gastpredigt, gehalten anlässlich des Kirchfestes der Evangelischen Gemeinde in Dorndorf/Rhön und der Eröffnung der Ausstellung “Frauen heute - auf den Spuren der hl. Elisabeth“:
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
zunächst mal möchte ich mich ganz herzlich für die Einladung zu einer Gastpredigt anlässlich Ihres Kirchfestes hier in der Evangelischen Kirche in Dorndorf bedanken. Ich finde das ein schönes Zeichen für die guten ökumenischen Beziehung, die zwischen der Evangelischen Kirche und der Alt-Katholischen Kirche bestehen.
Außerdem darf ich Sie herzlich von dem Alt-Katholischen Pfarrer Ulrich Piesche grüßen, der ja hier in dieser Kirche geheiratet hat.
So, das war das Vorwort. Jetzt geht‘s zur Sache.
Das Seufzen des Heiligen Geistes
Als ich mir den heutigen Predigttext aus dem Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom durchgelesen habe, stellte ich mir die Frage, wie es sich wohl anhören mag, wenn der Geist Gottes unaussprechlich seufzt? Ist das ein fröhlicher Jauchzer? Oder hat das Seufzen vielleicht eher einen schwermütigen Ton? Hört man in diesem Seufzen Unverständnis darüber mit, dass die christlichen Kirchen manchmal so wenig begeistert, so wenig begeisternd sind? Und darüber, dass der Mensch anscheinend nicht in der Lage ist, Gottes Heil in dieser Welt Wirklichkeit werden zu lassen und Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung zu verwirklichen?
Betrachte ich die tagtäglichen Nachrichten von Hunger, Elend, Leid, Krieg und vielem mehr, so fällt es schon schwer, nicht von einem eher schwermütigen, bekümmerten Ton bei diesem Seufzen auszugehen. Denn Gott sieht das Heil, welches ihm für uns vorschwebt, und muss mit Seufzen zur Kenntnis nehmen, wie wenig wir manchmal von diesem Heil auf dieser Erde zu realisieren vermögen.
Die Beschreibung, dass wir nicht wüssten, worum wir in rechter Weise beten sollten, ist dann nicht so sehr der Tatsache geschuldet, dass uns nichts einfallen würde, sondern vielmehr dem Umstand, dass uns viel zu viel einfällt, und wir mit dem Beten gar nicht mehr nachkommen könnten. Und das wäre ja auch fatal: Denn permanent gefaltete Hände bergen die Gefahr in sich, dass sie manchmal recht schlecht anpacken können, um etwas an den Missständen in dieser Welt zu ändern, und so Gottes Heil in diese Welt zu bringen.
Elisabeth von Thüringen - Glaube und Werk
Elisabeth von Thüringen, an die wir uns heute bei diesem Kirchfest mit der Ausstellung „Frauen heute - auf den Spuren der hl. Elisabeth“ ganz besonders erinnern, hat uns hier in ihrer Form der Nachfolge Christi eines von vielen möglichen Vorbildern gegeben: Die ungarische Prinzessin hat Kontemplation und Aktion, Beten und Anpacken verbunden - denn das eine kann ohne das andere nicht sein.
Die Ausstellung, die nach dem Gottesdienst eröffnet wird, umfasst insgesamt 100 Frauen-Bilder. 40 davon sind meines Wissens in ihrer Ausstellung hier in Dorndorf präsent: Es sind fröhliche, ernste, forsche, zurückhaltende, herausfordernde, nachdenkliche, kecke, verschmitze, ältere und jüngere Gesichter, denen Sie dort begegnen werden. All diese Frauen befinden sich in der Nachfolge des Nazareners, und dies auf ihre je eigene Art und Weise, in ihrem je eigenen Kontext: als Ordensfrauen, als Professorinnen, als Musikerinnen, als Geschäftsführerinnen, als Hausfrauen, als Politikerinnen, als Lehrerinnen, … Sie haben sich begeistern lassen von dem Mann aus Nazaret, von Gott selber.
Und bei vielen Bildern ist die Anwesenheit des Geistes Gottes - oder sollte ich gerade hier nicht viel besser das weibliche, hebräische Wort für Gottes Geist: „ruach“ verwenden? - also: die Anwesenheit der Geistin Gottes regelrecht spürbar, wenn man sich in sie versenkt.
Bunte Vielfalt der Nachfolge Christi
Es ist eine bunte Vielfalt unterschiedlicher Wege, welche diese Frauen in der Nachfolge Christi, entzündet von der ruach Gottes gehen. Verbunden im grundlegenden Glauben, dass in Jesus von Nazaret, dem Christus, Gott selbst Mensch geworden ist, unter uns gelebt hat, und Gott uns so geschichtlich greifbar, sozusagen Hand-Greiflich, nahe gekommen ist.
Die Christus-Nachfolge ist der Mittelpunkt, der Dreh- und Angelpunkt des Glaubens dieser Frauen. Die Christus-Nachfolge macht unser aller Christ-Sein aus. Das wird gerade hier in Ihrer Kirche auch dadurch deutlich, dass der Christuskopf - nun neu gemalt - in der Mitte der Kirche über dem Altar trohnt.
Neben Christus selbst hat das Christentum noch eine zweite Quelle, der in der Tradition des westlichen Christentums vielleicht manchmal etwas zu wenig Gewicht beigemessen wurde: Die Erfahrung des Heiligen Gottes-Geistes. Ohne die Geist-Erfahrung gibt es keinen Glauben.
Ostern und Pfingsten sind zwei Ereignisse, die auf‘s engste miteinander verbunden sind. In dieser grundlegenden Frage dürften sich die Christ-Glaubenden alle einig sein.
Unterschiedliche Glaubensauffassungen
Und doch neigen wir Christinnen und Christen viel zu häufig dazu, den Glaubensweg des je anderen kritisch zu betrachten, wenn er nicht mit der eigenen Glaubensauffassung in Einklang zu bringen ist. Und ich schließe mich da durchaus nicht aus.
Aber das Ergebnis kann kaum im Sinne Gottes sein: Manche christliche Kirchen schließen einander aus, selbst innerhalb der Kirchen sind sich unterschiedliche Richtungen nicht grün, man streitet sich um zahlreiche Glaubenswahrheiten und verliert darüber allzuleicht das eigentliche Anliegen des Christentums: Gottes Heil in diese Welt zu bringen, aus den Augen.
Hier liegt, denke ich, einer der zentralen Punkte der uns eigenen „Schwachheit“ verborgen, von der Paulus schreibt. Wir sind manchmal nicht in der Lage zu akzeptieren, dass die Wirklichkeit sich im Regelfall nicht mit Hilfe von Schwarz-Weiß-Malerei darstellen lässt, sondern alle Farben des Regenbogens benötigt werden. Wir sind zu sehr überzeugt von den eigenen Wahrheiten, machen unsere Herzen eng, und vermögen nicht, die Perspektive des anderen einzunehmen. Oder, wie es die Bauingenieurin Andrea Hassan, eine der Frauen deren Bild in der Ausstellung zu sehen ist, ausdrückt: „Ohne die Bereitschaft, Menschen anderer Kulturen kennen zu lernen und zu verstehen, gibt es kein Miteinander.“
Ist es Angst, die uns starr sein läßt? Angst davor, dass unsere eigenen Wahrheiten vielleicht in Frage gestellt werden? Angst davor, dass wir darüber unseren Halt verlieren könnten?
Die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung werden feststellen können: Die zahlreichen abgebildeten Frauen sind in ihrer Unterschiedlichkeit Zeichen einer bunten Verschiedenheit, die kein Mangel ist, sondern ein unermeßlicher Reichtum!
Ökumene Ernst genommen
Meines Erachtens lässt sich diese Erkenntis auch auf die Ökumene der Kirchen übertragen: Ernst genommene Ökumene heißt nicht, dass wir Christinnen und Christen uns in allem einigen müssen. Es ist nicht notwendig, dass wir unsere Glaubensauffassungen in einen Topf werfen und versuchen, daraus einen christlichen Einheitsbrei zu fabrizieren. Zumal ein solches Gericht dann für alle ungenießbar sein dürfte.
Echte Ökumene verwirklicht sich vielmehr im grundlegenden Schatz der Einheit in Christus, der sich in der Vielfalt der Kirchen entfaltet. Keine der Kirchen soll sich in einer solchen Einheit aufgeben, denn alle können sich gegenseitig bereichern, ohne die je eigene Identität zu verlieren. Es gilt, Brücken zueinander zu bauen, einander einzuladen, beieinander zu Gast zu sein und sich gegenseitig mit Hochachtung zu respektieren. - Und ich bin sicher, dass wir dabei auch jede Menge voneinander lernen können.
Denn jede der Kirchen der christlichen Ökumene hat Anteil an dem gemeinsamen Schatz. Jede Konfession hat ganz eigene Schmuckstücke, die sie besonders zum Glänzen bringt. Und der wichtigste Teil dieses Schatzes, der Glaube an den Gott, der selbst Vielfalt und Einheit in seiner Drei-Einigkeit in sich birgt, ist uns unaufgebbar gemeinsam.
Berufen in Christus
Der Schriftsteller und evangelische Theologe Heinz Zahrnt hat einmal gesagt: „Merkmal der wahren Theologie ist, dass sie nicht aufgeht. Der Schlussstein im Gewölbe darf nicht gesetzt werden, wenn der Himmel hereinschauen soll.“
Das Seufzen des Geistes Gottes ist ein Seufzen für uns. Er nimmt sich unserer Schwachheit an. Wir sollten daher nicht aus Angst vor der Vielfalt Scheuklappen anlegen und nur die eigenen Wahrheiten als Erkenntnismöglichkeit göttlicher Wirklichkeit definieren, sondern im Sinne von Zahrnt immer eine Lücke in unserem Glaubens-Gewölbe lassen, durch die der Himmel hereinschauen kann.
Wir sind alle berufen in Christus, und sollen an seinem Wesen und seiner Gestalt teilhaben, wie Paulus dies ausdrückt. Christus soll wir mit vollstem Herzen, vollster Seele und mit all unserer Kraft nachfolgen. Egal, welcher Kirche wir angehören.
Wenn wir auf Gottes Geist vertrauen, wird er uns helfen, trotz unserer Schwachheit den weiten Horizont des Lebens zu entdecken. Und wir werden dabei einen Blick auf Gottes Reich werfen können.
Dazu helfe uns Gott.
Foto: choice.polarlicht69 - Quelle: www.flickr.de
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