Ethisches im Restaurant - oder: Wo fängt Ethik an?
Vor kurzem waren meine Familie und ich in einem Restaurant, in dem sehr viel mit Selbstbedienung läuft.
Bei den Getränken holt man sich beispielsweise eine Tasse oder ein Glas, bezahlt einmalig einen bestimmten Betrag und kann dann unbegrenzt gratis an einer Zapfstation nachfüllen.
Die neueste Errungenschaft in diesem Restaurant ist ein Softeis-Spender. An den Kassen kauft man sich eine Waffel für ein großes Eis zu 1 Euro oder eine Waffel für ein kleines Eis zu 50 Cent. Diese Waffel stellt man dann in den Automaten und der Automat füllt automatisch das Softeis hinein.
Ein Nachfüllen ist hier allerdings eigentlich nicht vorgesehen (sonst würden ja auch die zwei unterschiedlich großen und unterschiedlich teuren Waffeln gar keinen Sinn machen).
Da wir in der Nähe dieses Softeis-Spenders saßen, konnten wir beobachten, dass es durchaus einige Restaurant-Besuchende gab, die das „unbegrenzt gratis nachfüllen“ ganz einfach von der Getränke-Zapfstation auf den Eis-Automaten übertrugen. Einer davon war sogar so unverfroren, dass er den Inhalt der 50-Cent-Waffel nach der Befüllung unmittelbar in einen mitgebrachten Plastikbecher umfüllte, um sofort die dann wieder leere Waffel vom Automaten nochmals mit Eis befüllen zu lassen.
Als er schließlich kurze Zeit später erneut mit der wieder geleerten Waffel am Automaten auftauchte, konnte ich mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass er ja nun schon das dritte Mal die Waffel befülle und dass meines Wissens die Regel mit der Gratis-Wiederbefüllung ja eigentlich nicht für die Eis-Waffeln gelte.
Seine Reaktion: Er befülle nicht das dritte, sondern bereits das vierte Mal. Sprach‘s und ging.
Kleinkariert?
Mag sein, dass mich manche für kleinkariert halten, mag vielleicht auch sein, dass ich das bis zu einem gewissen Grad tatsächlich bin, aber ich empfinde solch ein Verhalten als Symptom einer kranken Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die sich mitten im Prozess der Aufweichung gemeinsamer Grundwerte, einer gemeinsamen Ethik befindet.
Sicherlich hat es eine solche in Reinkultur auch in unserem so genannten „christlichen Abendland“ wahrscheinlich nie gegeben. Aber ich hatte bislang den Eindruck, es gäbe doch einen gewissen ethischen Grundkonsens zu der Frage, was man tun darf, und was man doch lieber lassen sollte. Und ich werde das Gefühl nicht los, das dieser ethische Grundkonsens gerade verloren zu gehen droht.
Der Nazarener, dem wir nachfolgen, hat einmal gesagt: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Mt 7,12a). Diese Regel hat der Philosoph Immanuel Kant in seinem berühmten kategorischen Imperativ dann nochmals etwas anders und mit einem anderen Akzent formuliert: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Das sind heere Worte. Aber mein Innerstes sagt mir, dass sie eine Leitschnur sind, deren Befolgung es uns Menschen wesentlich erleichtern würde, miteinander zu leben, ja, heilsam miteinander umzugehen. Dennoch muss ich zur Kenntnis nehmen, dass ein weit verbreitetes Ethos sich wohl eher mit den Worten ausdrücken lässt: „Nimm, was Du kriegen kannst, ohne Rücksicht auf Verluste, und wenn es mehr ist, um so besser.“
Das fängt bei solchen Geschichten wie dem Eis in dem erwähnten Restaurant an, geht über Skandale wie die UNICEF-Affäre weiter, in der Fundraising-Berater Spitzenprovisionen aus Spendengeldern erhalten haben, und endet noch lange nicht bei extremen Niedriglöhnen von unter 5 Euro / Stunde, mit denen sich rund zwei Millionen Menschen in Deutschland begnügen müssen, oder bei der Tatsache, dass die Getreidepreise steigen und dadurch immer mehr Menschen hungern, nur weil der weltweite Fleischkonsum durch wachsenden Wohlstand eines Teiles der Weltbevölkerung steigt, Börsenhändler Getreide als Spekulationsobjekte entdeckt haben, und wir in den Industriestaaten zudem meinen, wir müssten aus Getreide Biosprit produzieren.
Und ich fürchte, wir sind hier mit einem weltweit sehr verbreitetes Ethos konfrontiert. Denn das gesamte Wirtschaftssysteme des Kapitalismus, welches nicht das Gemeinwohl sondern den Shareholder-Value, die Wertsteigerung für den Anteilseigner, im Blick hat, baut auf diesem egoistischen Zug des Menschen auf, und damit auch unser gesamtes Wohlstandssystem. - Wobei ich es überaus reizvoll und dem Gemeinwohl zuträglich fände, wenn das Wort „Value“ nicht mit „Wert“ übersetzt würde, sondern mit dem Wort „Moral“, was ja auch möglich wäre.
Der Geist fehlt
Woran krankt unsere Gesellschaft also? Was ist die Ursache für all diese Symptome? - Ich glaube, dass es der Menschheit schlicht daran mangelt, Gottes Geist lebendig und wirksam werden zu lassen. Und wahrscheinlich viel zu häufig durchaus auch bei uns in den Kirchen.
„Wer mich liebt, wird meine Gebote halten“, sagt Jesus im heutigen Text aus dem Johannes-Evangelium. Wenn ich Christus liebe, wenn ich Gott liebe, wenn Gottes Geist mich erfüllt, kann ich bestimmte Dinge nicht mehr tun. Denn sie widersprechen dem Heilswillen Gottes für die Menschen, wie er in Jesus Christus zum Ausdruck gekommen ist.
Diese nicht mehr zu tuenden Dinge wurden in der bisherigen Kirchen-geschichte gerne in ganz bestimmten Bereichen gesucht. Vor allem das große Themenfeld der „Sexualität“ war und ist dabei ein beliebtes Spielfeld. Aber ich glaube, eine solche Fixierung lenkt uns nur von den tatsächlichen Missetaten ab. Es gibt viel wichtigeres.
Diesen Mangel an Geist, wie ich ihn als Ursache für die beschriebene Entwicklung vermute, spüren meinem Eindruck nach auch zahlreiche andere Menschen. Und sie suchen nach Inspiration, nach Begeisterung. Das Phänomen des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama ist für mich ein Beleg dafür: Er vermag mit seinem Charisma und seiner Botschaft von „Hoffnung“ und „Veränderung“ viele Menschen zu begeistern. Und es sind vor allem Menschen, die die Nase voll haben von den alten Polit-Strategen. Es ist eine riesige Anzahl gerade von Klein-Spendern, die seinen Wahlkampf finanzieren. Die Leute wollen Veränderung, wollen „Change“, wollen, dass ein neuer Geist weht.
Etwas ähnliches verspüre ich in Deutschland: Die vor wenigen Wochen vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend und Misereor herausgegebene Studie mit dem Titel „Wie ticken Jugendliche?“ hat m.E. deutlich gemacht: Auch die Jugendlichen hier in Deutschland wollen sich engagieren, lassen sich anstrecken von einer guten Sache und begeistern sich. Nur landet diese Begeisterung eben oftmals nicht bei der Kirche, sondern bei Amnesty International oder bei Greenpeace.
Dabei suchen viele dieser Jugendlichen durchaus auch nach Spiritualität, danach, sich Gott ganz nah zu fühlen. Aber die Spiritualität, die von ihnen gesucht wird, ist eher eine Spiritualität, die auch praktisch ist, die in ihrer Konsequenz Gesellschaft konkret verändert.
Aktion und Kontemplation
Wenn wir tatsächlich ein „christliches Menschenbild“ vermitteln wollen - ein Begriff, der viel zu häufig als Leerformel im Munde geführt wird - dann müssen wir diesen Begriff mit ganz praktischen Inhalten füllen, mit etwas, was die Menschen, die noch nicht vom Geist Gottes erfüllt sind, wirklich und wahrhaftig begreifen können. Damit sie sich anstecken lassen, in gewisser Weise von einem „göttlichen Virus“ infiziert werden. Und sich dieser Virus dann vielleicht gar wie bei einer Epidemie verbreitet.
Da ist Spiritualität dann nicht nur ein schöner Gottesdienst und festliche Liturgie, nicht nur mystische Tiefe und Gebet, sondern da umfasst Spiritualität, vom Geist, vom „Spirit“ erfüllt sein, auch gesellschaftliches Engagement. Da hat der Glaube mit der Realität des Lebens zu tun. Da wird Gott zum Tun-Wort.
Genau wie Philippus in Samaria nicht nur Christus durch seine Worte verkündet hat, sondern auch durch seine Taten. Und dann können echte Wunder geschehen, böse Geister vertrieben werden, wie sie uns in Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit begegnen, Lahme wieder auf die Beine kommen, wo das Leben des Menschen in eine Sackgasse gekommen ist, und in das wo wir verkrüppelt sind, wo unsere Seele Schaden genommen hat, kann Heil einkehren.
Aktion und Kontemplation gehören zusammen, wie die beiden Seiten einer Medaille.
Als glaubende Menschen, brauchen wir immer wieder den Rückzug ins Gebet, die Versenkung vor Gott, um an unsere Kraftquellen zu kommen, um auftanken zu können, und um über dem Aktionismus, in den man sich schnell verstricken kann, das göttliche Korrektiv nicht aus den Augen zu verlieren. Gerade auch die Gemeinschaft des Gottesdienstes kann uns hier eine wichtige Hilfe sein.
Und wenn man uns fragt, was uns inspiriert, was uns die Motivation und die Kraft für unser Tun gibt, dann sollten wir unseren Glauben nicht verstecken, sondern sagen, dass es Gottes Geist ist, der uns erfüllt, uns Kraft schenkt und uns antreibt, dann sollten wir sagen, dass wir Jesus von Nazareth nachfolgen und daran glauben, dass Gott das Heil dieser Welt will, und wir seine Werkzeuge hier auf Erden sind, an diesem Heil mitzuwirken.
In Wort und Tat.
Foto: jusan - Quelle: www.flickr.de
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