Kirchliche Glaubwürdigkeitslücke – Andacht zu 1. Petrus 3,8-12

herz.jpg„Früher war das mit der Ökumene alles viel besser“, hat mir vor kurzem ein Ehepaar berichtet, welches den Alt-Katholischen Gottesdienst in Erfurt besuchte. Die Schwierigkeiten, die Abgrenzung der Kirchen voneinander und eine gewisse Neigung zur Rechthaberei hätten erst begonnen, als nach dem Fall der Mauer der gemeinsame Gegner einer realsozialistischen Regierungsclique verschwunden sei.

Ich habe es selber nicht erlebt, da ich im Westen groß geworden bin. Aber mir wurde deutlich: Das kommunistische Regime hatte die Kirchen zusammengeschweißt, und was an Differenzen vorhanden gewesen sein mag, war in dieser Situation ganz einfach unwichtig geworden.

Der Brief, den wir heute als Tages-Lesung gehört haben, ist in eine ähnliche Bedrängungs-Situation hinein geschrieben. Verfaßt etwa um das Jahr 90, geschrieben an die – auch das durchaus eine gewisse Parallele – weit verstreut und als Minderheit lebenden christlichen Gemeinschaften in Kleinasien.

Diese Christinnen und Christen erlebten Verfolgung, nur weil sie sich zu Christus bekannten. Sie galten als Staatsfeinde, als Gottlos, einem Aberglauben folgend, wurden anonym angezeigt und wie Mörder, Diebe oder Übeltäter vor Gericht abgeurteilt.

Und all das nur, weil sie auf eine Art und Weise dachten und lebten, welche ihre Zeitgenossen irritiert und befremdet hat. Denn diese frühen Christinnen und Christen verhielten sich nicht nach den Gesetzen der menschlichen Gesellschaft, sondern versuchten, das göttliche Gesetz der Liebe Realität werden zu lassen: Mitgefühl zeigen, Bösem und Kränkung mit Segen begegnen, den Frieden suchen.

Und sie taten das, weil ihnen bewußt war: Die Welt, wie man sie als Christin oder Christ wahrnimmt und kennt, ist nicht die eigentliche Heimat, in der man Geborgenheit und Erfüllung finden kann. Man lebt immer auch in der Fremde, selbst wenn man an dem Ort bleibt, wo man geboren wurde und aufgewachsen ist.

Als Christ bin ich nur Gast auf Erden und habe in Christus die Hoffnung, mit ihm gemeinsam aufzuerstehen aus der Nichtigkeit und Vergänglichkeit menschlicher Existenz zum ewigen Leben bei Gott. Damit bin ich der Welt und ihren Bedrängnissen zwar nicht enthoben, aber dieser Glaube kann mir Kraft geben, sie zu bewältigen.

Gott wird hier in dem Brief als der Segnende beschrieben. Und die Christinnen und Christen werden aufgefordert, deswegen ebenfalls zu segnen. Wer mit dem Segen Gottes beschenkt ist, müsste eigentlich gar nicht anders können, als selber diesen Segen weiterzuschenken. Es gilt Böses nicht mit Bösem zu vergelten, sondern das Böse mit Gutem zu überwinden.

Wenn wir uns nun aber die Welt ansehen, wenn wir einen nüchteren Blick auch auf uns Christinnen und Christen, und auf die Kirchen werfen, dann müssen wir uns eingestehen, dass es da wohl noch viel zu tun gibt. Wir schaffen es – um den Bogen zum Beginn meiner Überlegungen zurück zu schlagen – ja noch nicht einmal, zwischen den Kirchen, ja im Regelfall nicht einmal innerhalb einer Konfession, das göttliche Gesetz der Liebe zum grundlegenden Maßstab aller Dinge werden zu lassen.
Wenn uns der zusammenschweißende gemeinsame Gegner fehlt, ist es anscheinend auf einmal nicht mehr ausreichend erstrebenswert, unsere Energie darauf zu konzentrieren, eine Einheit in der Vielfalt zu gewinnen, sondern wir grenzen uns voneinander ab, ja grenzen einander oft genug sogar aus.

Wir kranken viel zu häufig an unserer eigenen Glaubwürdigkeit als Christinnen und Christen, an unserer eigenen Glaubwürdigkeit als Kirchen.

Müssen wir uns dann wundern, dass die Mitgliedszahlen nicht steigen, und dass – wie eine am Montag vorgestellte Studie dargelegt hat – gerade auch viele nach Werten, Sinn und Spiritualität suchende Jugendliche diese in den etablierten Kirchen nicht zu entdecken vermögen, und ihre Heimat eher bei Greenpeace, Amnesty International oder Attac finden, weil diese als wesentlich glaubwürdiger empfunden werden?

Ich würde mir wünschen, dass die Christenheit zur Besinnung kommt. Um der guten Nachricht willen. „Seid alle eines Sinnes, voll Mitgefühl und geschwisterlicher Liebe, seid barmherzig und demütig.“

Foto: knispeline – Quelle: www.pixelquelle.de

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