Was für ein großartiges Bild, welches uns heute im Matthäus-Evangelium vor Augen gestellt wird: Das Leben lässt sich, trotz versiegelter Gräber, nicht einsperren. Die Hoffnung lässt sich mit keiner Wachmannschaft unter Arrest stellen. Der Tod hat nicht das letzte Wort.
Der Herr ist erstanden.
Er ist wahrhaftig auferstanden.
Das Leben siegt. Das Leben in all seiner Vielfalt.
Das könnte den Herren der Welt ja so passen
wenn morgen erst Gerechtigkeit käme
erst dann die Herrschaft der Herren
erst dann die Knechtschaft der Knechte
vergessen wäre für immer.
Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe,
wenn hier die Herrschaft der Herren,
wenn hier die Knechtschaft der Knechte
so weiterginge wie immer.
Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden,
ist schon auferstanden und ruft uns jetzt alle
zur Auferstehung auf Erden,
zum Aufstand gegen die Herren,
die mit dem Tod uns regieren.
Ein Lied, welches an ein Gedicht des evangelischen Theologen und Dichters Kurt Marti angelehnt ist, und welches meine Vorstellung von „Auferstehung“ maßgeblich mit beeinflusst hat, seit ich es kenne.
Da ist die Auferstehung nichts weltfremdes, nicht ein mirakulöses Ereignis, welches vor 2000 Jahren in Israel, in der Nähe von Jerusalem stattgefunden hat. Da wird die Auferstehung hineingeholt in mein Leben, hat mit meinem ganz konkreten Alltag und Tun und mit dieser Welt zu tun.
Lebe ich im Wissen um die Auferstehung?
Und da stellt die Auferstehung Jesu vor 2000 Jahren auf einmal ganz konkrete Fragen an mich und an mein Leben: Verändert der Glaube an die Auferstehung Jesu mein Leben? Lässt er auch mich auferstehen, aufstehen, in den Zusammenhängen, in denen ich lebe? Lässt er mich protestieren gegen den Tod, in welcher Form auch immer er mir begegnet?
Hat der Glaube an die Auferstehung irgendeine Konsequenz für mich und mein Leben, meinen Alltag, meinen Glauben, mein Beten, mein Handeln?
Der Auferstandene ruft uns jetzt alle. Zum Aufstand. Zur Überwindung des Todes. Zum Sieg für das Leben.
Wie ist unsere Reaktion auf diese Auferstehung? Fallen wir wie tot zu Boden aus Angst vor dem allmächtigen Gott, der Dinge tut, die wir nicht erwarten? So wie die römischen Wachen am Grab, von denen uns heute im Matthäus-Evangelium berichtet wird?
Oder fallen wir vor Christus auf die Knie nieder, jubelnd, glückselig über seine Auferstehung, darüber, dass die Sache Jesu nicht mit der Kreuzigung am Karfreitag endet, sondern weitergeht, sozusagen unausrottbar wie Unkraut? So wie Maria von Magdala und die andere Maria, von der heute im Evangelium berichtet wird?
Verbreiten wir, gesandt durch Jesus, begeistert von seiner Botschaft und seinem Leben, angestachelt davon, dass jeder Tod in Jesus besiegt ist, genau wie die beiden Marias als Gesandte Christi, als Apostelinnen und Apostel die frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu?
Durch Wort und Werk, dadurch, dass wir davon weitererzählen und Jesus in unserem Leben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft nachfolgen und dadurch von einer neuen Weise erzählen, wie die Menschen miteinander und mit der Schöpfung leben und umgehen können. Dadurch, dass wir diese neue Weise vorleben, indem wir die Liebe zum Dreh- und Angelpunkt allen Denkens und Tuns werden lassen, ohne dass wir über der Liebe unseren Verstand verlieren.
Oder verstehen wir den Ostergottesdienst nur als ein jährlich wiederkehrendes folkloristisches Ereignis, welches wir mitmachen, und aus dem wir als die gleichen Menschen hinausgehen, als die wir hineingegangen sind? Ohne, dass es uns irgendwie wirklich berührt hätte. Schöne Geschichten die nichts mit meinem Leben zu tun haben.
Der Zauber der verändernden Auferstehung
Wie faszinierend wäre es, wenn uns der Zauber der Veränderung, der Auferstehung vom Tod zum Leben, in diesem Gottesdienst, heute, hier, jetzt ergreifen würde! Wenn wir mitten in diesem Gottesdienst aufwachen nicht nur aus der Müdigkeit wegen der frühen Stunde, sondern in übertragenem Sinne auch aus den Nächten des Todes in denen wir immer wieder gefangen sind, verwandelt zu neuem Leben. Begeistert und begeisternd für ein Leben mit Gott, der uns vom Tod befreit und zum Leben führt.
Wir würden uns gegenseitig das Licht Christi weitergeben, so wie wir es gerade vorhin ganz real mit den Kerzen gemacht haben, und so die Nacht und die Welt erleuchten. Auf eine Art und Weise, die sich nicht in Lux ausdrücken lässt.
Was aber heißt es konkret, wenn man vom Tod befreit zum Leben kommt? Was heißt es konkret, wenn wir davon sprechen, uns gegenseitig das Licht Christi weiterzugeben und die Welt mit diesem Licht zu erleuchten?
Die Auferstehung Jesu ist in vielfacher Hinsicht eine Revolution des Lebens gegen den Tod – den Tod, der nicht nur mit seinem Schrecken der Herr über unser biologisches Leben zu sein scheint, so unvermittelt, wie er manchmal dem Leben ein Ende setzt, sondern der auch Mitten in unserem Leben anwesend ist, auch wenn wir rein körperlich gesund und munter sind und der Tod des Lebens noch weit entfernt scheint.
Die Auferstehung ist eine Revolution gegen jeden Tod. Auch, aber nicht nur gegen den biologischen, der jede und jeden von uns einmal heimsuchen wird. Und sie ist eine Revolution gegen jedes todbringende Instrument. Insofern auch eine Revolution gegen den Irrsinn der Waffenproduktion, die vollkommen unnötig und sinnlos enorme Ressourcen verschlingt, die viel nötiger gegen den Hunger der Welt, für die Schöpfungsbewahrung oder für Friedenstiftende Maßnahmen eingesetzt werden könnten.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass die berühmten Demonstrationen für den Frieden und gegen Krieg und Gewalt, die Ostermärsche, gerade zu Ostern stattfinden. Denn Ostern, die Auferstehung, ist ein Aufstand gegen den Tod.
Auferstehung konkret und heute
Wir überwinden die Tode und feiern schon jetzt Auferstehung, wo wir gegen den Hass und den Krieg, gegen Unverständnis und Intoleranz, für Frieden und Versöhnung arbeiten.
Wir überwinden die Tode und feiern schon jetzt Auferstehung, wo wir für Gerechtigkeit eintreten in den Verhältnissen dieser Welt, für einen fairen Handel der Völker untereinander, gegen Ausbeutung der Schwachen. Da, wo wir uns solidarisieren mit den Armen hier und in der sogenannten dritten Welt, und aufstehen gegen das Leid.
Wir überwinden die Tode und feiern schon jetzt Auferstehung, wo wir uns um die Schöpfung sorgen, die sich von selber im Regelfall nicht gegen den tödlichen Gewaltzugriff des Menschen erwehren kann. Da, wo Geld und Wohlstand hinter das Ziel der Bewahrung von Gottes wunderschöner Schöpfung zurücktritt, und wir es vermögen, uns auch mit weniger zu begnügen um der Umwelt willen.
Gott wird hier zum Tätigkeitswort.
Die Auferstehung erzählt uns davon, dass wir gegen den Zynismus dieser Welt, der sich in so vielen Dingen ausdrückt, die Liebe setzen können. Dieses Tun verändert unser ganzes Leben, beendet den Tod dort, wo er unser Leben bestimmten mag, und schenkt statt dessen neues Leben. Wir brechen aus aus der Sklaverei, wie Israel aus Ägypten ausgebrochen ist, legen die Fesseln ab, mit denen wir gebunden sind, und nehmen unsere Freiheit als Kinder Gottes wahr. Wir werden durch den Geist Gottes erfüllt von neuem Leben, wie es in der Lesung aus dem Buch des Propheten Ezechiel bildlich von den Knochen erzählt wird, die das Volk Israel symbolisieren.
Der Aufstand gegen den Buchstaben des Gesetzes
Und die Auferstehung ist im Endeffekt auch ein Aufstand gegen die Buchstaben der Gesetze, gegen die Gesetzlichkeit. Denn Jesus hat den Tod auch erlitten, weil er gegen die Gesetzlichkeit war, an die sich die Mächtigen angsterfüllt geklammert haben, da sie von ihnen dazu genutzt wurde, an ihrer Macht festhalten zu können.
Aber wenn man seinen Glauben vor allem als reinen Gesetzesgehorsam gegenüber dem Buchstaben lebt, dann droht Religion, die Religiosität, der Glaube, zu sterben. Denn dann kommt es nicht mehr darauf an, nach dem Sinn des Gesetzes zu suchen, ihn zu erfüllen zu trachten und auf der Suche nach Gott zu bleiben. Sondern dann wird Gott und sein Reglement fest und starr in Buchstaben gegossen, und man muss nur noch bestimmte Rituale erfüllen, nach denen Gott dann mit Wohlwollen antworten würde.
Wie eine tote Maschine, ein Mechanismus, in den man eine Geldmünze einwirft, und der Automat dann automatisch ein Bonbon auswirft. Da ist nichts mehr Lebendiges. Da ist die Religion, da ist selbst Gott, mitten im Leben tot. – Gegen solch einen Glauben hat sich Jesus nach meinem Verständnis der Evangelien immer wieder zur Wehr gesetzt.
Wenn wir so nur starr an Überliefertem um des Überlieferten willen, am Gesetz um des Gesetzes willen, am Ritual um des Rituals willen festhalten, und nicht mehr unser Herz dabei spricht, entscheiden wir uns für den Tod.
Mit der Auferstehung Jesu, mit der Auferstehung dessen, der gesagt hat: Der Mensch ist nicht um des Sabbats willen da, sondern der Sabbat um des Menschen willen, mit der Auferstehung dessen, der also das Gesetz um des Menschen willen hat Gesetz sein lassen, hat Gott im letzten deutlich gemacht und nochmals bestätigt, dass es nicht darum geht, das Gesetz um des Gesetzes willen zu halten, sondern dass es darum geht, den Sinn des Gesetzes zu begreifen, diesen Sinn zu verinnerlichen, so das Gesetz zu halten und in allem die Liebe zu leben.
Der Aufstand der Liebe
„Amo et fac quo vis“ hat dies der Kirchenvater Augustinus einst ausgedrückt: Liebe und dann tu, was Du willst.
Diesem Anspruch müssen wir uns auch in den institutionalisierten christlichen Kirchen immer wieder stellen. Manchmal habe ich die Sorge, dass schon seit den frühen Tagen der jungen Kirche oftmals wieder auch bei uns viel zu viel Kleinkrämerei und Kleinkariertheit, viel zu viel Haarspalterei und vor allem auch Angst Einzug gehalten hat.
Wir müssen aufpassen, dass wir dadurch die Botschaft Jesu nicht ungewollt mehr verdecken, verstecken und zukleistern, statt sie in die Welt weiterzutragen, wie es unser Auftrag ist.
Auch hier, mitten in der Kirche, ist immer wieder die Auferstehung notwendig. Und wo sollte denn auch Auferstehung geschehen, wenn nicht hier? Ecclesia est semper reformanda – die Kirche ist immer eine reformbedürftige.
Fürchtet Euch nicht, sagt der auferstandene Christus zu den beiden Marias im heutigen Evangelium. Eine Botschaft, die wir in den Alltag auch unserer Kirchen mitnehmen dürfen. Keine Furcht haben. Denn wir sind in so vielem so oft voller Angst. Aber Gott ist mit uns. Wer sollte dann gegen uns sein können? Vertrauen wir auf ihn. Er ist auferstanden.
Wenn wir uns daher fragen, was ist das, ein glaubender Mensch im Sinne Jesu, ein „Christ“ in der Sprache der Überlieferung, dann müssten wir seit den Stunden des Ostermorgens, seit uns die apostolischen Frauen die Osterbotschaft gebracht haben, wohl sagen: Glaubende Menschen sind solche, die dem Leben des scheinbar Gescheiterten Jesus von Nazaret nachfolgen, dessen, der vorgelebt hat, wie das wahre Leben vor Gott aussehen kann.
Überall dort, wo jemand gegen die Kraft der Enttäuschung es wieder wagt, zu glauben an die Unzerstörbarkeit der Liebe, besiegt er die Verzweiflung dieser Welt und zeigt uns, dass noch immer die Auferstehung siegt über den Tod in dieser Welt. Es ist die Geschichte der rebellischen Liebe, die uns erweckt vom täglichen Tod.
Und vor uns bleibt, was möglich wäre noch.
Foto: momosu – Quelle: www.pixelquelle.de
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