Leichen im Keller – Predigt zu Johannes 11,1-45

grabkammer.jpgDer nicht endgültige Tod

Nach jüdischer Auffassung bleibt die Seele nach dem Tod eines Menschen noch drei Tage in der Nähe des Leibes. Als Jesus endlich nach Betanien kommt, ist es aber bereits der vierte Tag, nachdem Lazarus gestorben ist.

Die Seele hat Lazarus also bereits endgültig verlassen. Der Zerfall, das Ende ist unaufhaltsam geworden. Nur der Leichengeruch würde sich noch ausbreiten, wenn man dieses Grab noch einmal öffnen sollte.

Zunächst scheint es auch so, als würde Jesus das akzeptieren. Der Evangelist Johannes erzählt, dass Jesus in die Trauer der anderen mit einstimmt und über den Tod seines Freundes Lazarus weint.

Doch dann wird uns nicht eine Geschichte erzählt, in deren Mittelpunkt die christliche Tugend des Mitleidens steht. Und wir werden auch nicht vorrangig damit getröstet, dass nach dem Tod irgendwann die Auferstehung von den Toten folgen und ein neues Leben beginnen wird. – Sondern die Auferstehung wird Gegenwart!

„Lazarus, komm heraus!“

Und das Wunderbare geschieht. Der Tod wird überwunden. Neues Leben beginnt.

Eine schöne Wundergeschichte, die vor etwa 1900 Jahren vom Evangelisten Johannes so aufgeschrieben wurde.

Sind das nur Mythos und Fiktion, die den Nazarener als einen ganz besonderen Menschen darstellen sollen? Als „Sohn Gottes“, wie es Marta, einem Glaubensbekenntnis gleich, in der heutigen Perikope ausdrückt?

Oder steckt in dieser Geschichte eine tiefe Wahrheit, die uns heute treffen kann, ganz unabhängig davon, ob diese Geschichte sich historisch so ereignet hat, wie von Johannes beschrieben oder nicht?!

Die Leichen im Keller

Wenn man jemandem unterstellt, das er eine „Leiche im Keller“ hat, dann meint man im Regelfall, dass es irgendetwas Ehrenrühriges in der Vergangenheit der betreffenden Person gibt, was noch nicht das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat. Und der Verwesungsgestank, der sich ausbreiten würde, wenn solche Leichen aus dem Keller geholt werden, wäre dann im Regelfall auch sehr abträglich für die berufliche Karriere oder das persönliche Ansehen der betreffenden Person.

Verlässt man den engen Begriff der Ehrenrührigkeit, landet man allerdings auch sehr schnell bei manchen Leichen, die so ziemlich jede und jeder mit sich herumschleppen dürfte: Verdrängte Konflikte, seelische Verletzungen aus der Kindheit oder auch Traumata auf Grund persönlicher einschneidender Erlebnisse, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

„Lazarus, komm heraus!“ – auch diesen Leichen gilt der Ruf Jesu!

Denn solche Leichen können einem, ohne dass man es vielleicht selber merkt, das ganze Leben vergiften und verdammt viel Unheil stiften.
Wir reagieren sehr empfindlich, wenn jemand anders in die Nähe dieser geheimen Gräber kommt und die Gefahr besteht, dass sie entdeckt werden könnten – dies zumal dann, wenn nicht mal wir selber den Mut haben, uns diese Gräber genau anzuschauen oder sie gar als „nicht existent“ verdrängen.

Wir stolpern dann in den unpassendsten Augenblicken über die verborgenen Grabsteine und verstauchen uns ganz kräftig das Fußgelenk. Und dann haben wir nicht nur selber darunter zu leiden, sondern oft genug auch andere, die in Mitleidenschaft gezogen werden.
Und das, ohne dass dem Gegenüber, oder auch uns selber, wirklich bewußt ist, warum wir jetzt so empfindlich und hypersensibel reagiert haben.

Häufig deuten unsere ganz persönlichen Verletzlichkeiten, das, womit man uns leicht treffen kann, auf solche Leichen hin.

Zwei Beispiele:

Wer als Kind nicht genügend Aufmerksamkeit und Wertschätzung erhalten hat, mag als Erwachsener ein starkes Bedürfnis danach entwickeln, im Rampenlicht zu stehen und Beifall zu erhalten. Dabei kann es sich um die Aufmerksamkeit für besonderes soziales oder ehrenamtliches Engagement genauso handeln, wie um die Aufmerksamkeit, die man als Industrie-Boß oder Politiker auf Grund der eigenen gesellschaftlichen Stellung erhält. Aber auch die Aufmerksamkeit, die man beispielsweise durch einen Amok-Lauf erhält, kann unter diese Kategorie fallen.

Wer unter übertriebener Autorität der Eltern oder eines Elternteils aufwachsen musste, mag später mit übertriebener Wut darauf reagieren, wenn er sich oder sein Tun ungerecht behandelt fühlt. Da kratzt jede Zurückweisung der eigenen Ideen gleich massiv am Selbstbewußtsein und man fühlt sich dumm und unfähig. Da wird man zornig und sehr, sehr schnell beleidigt, wenn das eigene Engagement nicht ausreichend gewürdigt wird.

Leichen ans Licht

Solche und ähnliche Leichen müssen ans Licht. Nicht unbedingt in Form eines Seelen-Striptease ans Licht der breiten Öffentlichkeit, aber auf jeden Fall ans Licht einer nüchternen Selbstwahrnehmung der eigenen Persönlichkeit. Man muss sich seine Leichen ansehen, vielleicht auch in seelsorgerlicher Begleitung, damit sie einer Auferstehung entgegengeführt werden können und uns nicht mehr vollkommen unnötig und störend belasten.

Es gilt, konstruktiv mit den eigenen Leichen umzugehen, um den Verwesungsgeruch zu vertreiben und den Tod zu entmachten.
„Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf“, schreibt der Prophet Ezechiel dem Volk Israels die Worte JHWHs ins Stammbuch. „Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig“, so heißt es im Buch Ezechiel weiter.

Es ist immer wieder eine Anstrengung, aus dem Tode aufzuerstehen hin zu neuem Leben. Es ist schon eine große Anstrengung, sich selber zu erkennen, die Leichen im eigenen Keller nicht mehr zu ignorieren, sondern konstatieren zu müssen, dass es in so manchem Eck in unserem Inneren eher aussieht wie in einer modrigen und stickigen Grabkammer, statt wie auf einer sonnigen satt-grünen Wiese, über die sanft ein Frühlingslüftchen weht.

Und dann die Anstrengung, wenn wir die Gräber geöffnet haben: Jede Selbsterkenntnis führt zu Veränderung. Wenn wir erkannt haben, warum wir uns bisher so und so verhalten haben, warum wir bisher auf bestimmte Situationen oder Äußerungen anderer so empfindlich reagiert haben, werden wir nicht mehr die gleichen bleiben können, wie vorher. Im Extremfall kann es dazu führen, dass ich mein ganzes Leben umkrempeln muss, weil ich etwas erkenne, was bisher falsch gelaufen ist in meinem Leben.

Aber wir haben zum Eingang des Gottesdienstes gesungen: „Gott gab uns Atem, damit wir leben“. Damit haben wir zum Ausdruck gebracht: Gott selbst gibt uns in seinem Geist die Kraft und die Energie, die wir brauchen, um aufzuerstehen, lebendig zu sein und nicht starr, die Fähigkeit zu haben, uns zu ändern, um heilere, um heile Menschen zu werden. Darauf können und dürfen wir vertrauen.

Gott selbst ist an unserer Seite. „An unsren Kreuzen bleibt die Sehnsucht heil: Wir nehmen, Gott, an Deinem Leben teil. Schuld bleibt nicht Schuld, und Schmerz ist nicht mehr Schmerz“, wie dies unser Bischof Joachim in dem Lied ausgedrückt hat, welches wir gleich zur Gabenbereitung singen werden.

Gott möchte nicht, dass wir zu verzagten und verbitterten Grießgramen werden, die sich selbst nicht mögen. Vielmehr ermuntert er uns dazu, immer wieder neu anzufangen, immer wieder die Auferstehung zu wagen.

Oscar Arnulfo Romero

Wie konkret eine solche Auferstehung aussehen kann, hat uns der salvadorianische römisch-katholische Erzbischof Oscar Arnulfo Romero gezeigt.

1977 war er zum Erzbischof von San Salvador ernannt worden. Er zählte zu den konservativen Würdenträgern. Er war ein Liebhaber schöner Liturgien und korrekter Disziplin. Er traf sich gerne mit den damaligen Machthabern des dikatorischen Regimes. Daher distanzierte er sich auch deutlich von den jungen Priestern und Ordensleuten, die sich in seiner Diözese für den befreiungstheologischen Kampf für die Armen engagierten.

Der Mord an seinem Freund Rutilio Grande, einem Jesuitenpater, der sich für die Armen einsetzte, veränderte Romeros Blickwinkel und ließ ihn die in seinem Keller verborgene Leiche der widerspruchslosen Anpassung an die bestehenden Strukturen erkennen: Er wagte die Auferstehung aus einem Grab, in das er sich selbst bereits gelegt hatte. Er brach mit dem Regime und akzeptierte die Verhältnisse nicht mehr so, wie sie sind, sondern begann, alles zu hinterfragen.

Die Folgen, die er dann zog, sind nur konsequent: Er wandte sich gegen ungerechte Strukturen in seinem Land. Ungerechtigkeit, Wahlschwindel und die blutigen Auseinandersetzungen in El Salvador wurden Themen seiner Predigten. Er verurteilte die Gewalt, sowohl auf Seiten der Regierung als auch auf der der Guerillas. Er wurde unbequem.

Es war der 24. März 1980, als Romero vor nunmehr knapp 28 Jahren während eines Gottesdienstes von einem Mordkommando des Regimes am Altar niedergeschossen wurde.

Die Auferstehung, der er gefolgt ist, hat ihn in den Martyrer-Tod geführt. Er war sich dieser Gefahr bewusst.

Wie leicht sollte es uns angesichts solch eines Vorbildes sein, die Auferstehungen anzugehen, die möglicherweise den Leichen in unseren Kellern gilt. Denn uns droht im Regelfall nicht das Risiko des Martyriums, wenn wir uns an die Gräber in unseren Seelen heranwagen.
Uns ist zugesagt, dass der Geist Gottes in uns wohnt. Dieser Geist kann uns lebendig machen, wie Paulus an die Gemeinde der Christinnen und Christen in Rom schreibt.

Gott schenke auch uns diesen Leben-Spendenden und alles durchdringenden Geist, die Ruach Gottes. Sie durchwehe mit Kraft unsere Seelen, damit jeder Modergeruch aus ihnen verschwinde und wir als heile Menschen in der Lage sind, an Gottes Reich mit zu bauen.

Dazu helfe uns Gott.

Foto: Paul Sippel – Quelle: www.pixelquelle.de

2 Antworten zu “Leichen im Keller – Predigt zu Johannes 11,1-45”


  1. 1 marc 10. März 2008 um 23:04

    gut geschrieben ;-)

  2. 2 Petra 11. März 2008 um 21:41

    Ja, das finde ich auch. Schön, die Predigt wenigstens im Nachhinein lesen zu können.

    Schreibst Du bald etwas zur Osternachtsfeier für alle, die beim letzten Mal nicht dabei waren oder zum ersten Mal kommen werden? Z.B. was wir mitbringen sollen?

    Viele Grüße
    von Petra


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