Der Mensch als Gott muss scheitern
In den Lesungen aus dem Buch Genesis und aus dem Evangelium nach Matthäus werden uns zwei Versuchungsgeschichten vor Augen geführt. Die Lesung aus dem Brief an die Gemeinde in Rom verklammert diese beiden Geschichten miteinander und bringt sie zueinander in Beziehung.
In der ersten Lesung geht es darum, welchen Versuchungen der Mensch ausgesetzt ist, und wie leicht er diesen Versuchungen erliegt. Der Wunsch, so zu sein wie Gott, sich selber an die Stelle Gottes setzen zu können. Eine Versuchung, die immer wieder virulent ist. Denken wir nur an den Bereich der Gentechnik, oder auch an den Bereich der Atomenergie.
Und es wird jedes Mal, wenn wir Menschen dieser Versuchung erliegen, und im Vertrauen darauf, dass wir für die seit Beginn vor Augen liegenden Probleme schon noch eine Lösung erdenken werden, genau so scheitern und zur entsetzten Erkenntnis der eigenen Nacktheit führen, wie es uns in Genesis geschildert wird.
In Sachen Atomenergie haben wir bereits Unmengen an Strahlenmüll produziert, den wir bis heute nicht in der Lage sind, für die notwendigen Jahrmillionen-Zeiträume wirklich absolut sicher zu verwahren. Und im Bereich der Gentechnik werden Pflanzen mit veränderten Genen in Freilandversuchen ausgesät, ohne dass wir wirklich wissen, welche Auswirkungen dies auf das für Menschen undurchschaubar komplexe Gefüge von Flora und Fauna hat.
Versuchungen widerstehen
Die Versuchungsgeschichte Jesu im Matthäus-Evangelium verläuft anders. Jesus weist die Versuchungen, denen er ausgesetzt ist, souverän zurück. Die Allmachtsversuchung: Aus Steinen Brot zu machen. Die Versuchung, die Natur zu beherrschen: Sich vom Tempel herabstürzen. Die Versuchung von Besitz und Herrschaft: Vor dem Teufel niederfallen.
Der Evangelist zeigt uns mit seiner Darstellung dieser Versuchungen Christi, worauf es ankommt: Den Versuchungen, denen wir ausgesetzt sind – Allmacht, Herrschaft, Besitz -, zu widerstehen und statt dessen den Weg Gottes zu suchen, da nur dies der wahre Weg der Gerechtigkeit ist.
Weder bei dem Bericht aus Genesis noch bei der Erzählung aus dem Matthäus-Evangelium geht es dabei um historische Wahrheiten, wie man sie in einem Geschichtsbuch lesen könnte. Die Wahrheiten, die hier verborgen liegen, sind weit größer und weit wichtiger. Sie erzählen etwas über das alltägliche Erleben des Menschen, über die alltäglichen Versuchungen, denen wir ausgesetzt sind, und darüber, wie leicht wir dazu zu verführen sind, ihnen nachzugeben.
Die Frage danach, ob es nun einen leibhaftigen Teufel gibt oder nicht, ist für das Wesentliche der heutigen Texte daher auch vollkommen irrelevant. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass die Annahme eines leibhaftigen Teufels uns zu leicht in die Gefahr bringen könnte, die Schuld für alles Übel auf einen satanischen Sündenbock zu schieben, statt uns selber kritisch unter die Lupe zu nehmen und dabei das zu erkennen, was der Reformator Martin Luther kurz und knapp in die Worte zusammenfasste: Der Mensch ist zugleich ein Gerechter und ein Sünder (simul iustus et pecator).
Teuflische Strukturen der Welt
Unbestritten aber gibt es Strukturen und Ereignisse in dieser Welt, die ich ohne Hemmungen als teuflisch bezeichnen würde. Ich nenne nur zwei Beispiele:
Der Hexenwahn des 15., 16. und 17. Jahrhunderts. Ihm fielen hundertausende Menschen, vor allem Frauen, zum Opfer. Alleine in Würzburg wurden um 1600 in einem Jahr mehr als 300 so genannte Hexen verbrannt. Zum Vorwurf wurde ihnen Zauberei oder der Bund mit dem Teufel unterstellt. Und das ging ziemlich schnell: Da brauchte nur eine Kuh keine Milch geben; sofort wurde nach einem Sündenbock gesucht. Gefunden wurde er oft genug in einer Frau aus der Nachbarschaft, der man dann Hexerei unterstellte. Die Dominikaner-Patres Jakob Sprenger und Heinrich Institoris schildern in ihrem 1487 erstmals gedruckten „Hexenhammer“ auch gleich ganz genau, wie die Hexen das mit der Milch anstellen: Die Hexen stecken ein Messer oder eine Axt in irgendeinem Winkel ihres Hauses in die Wand, legen die Hände so an den Schaft von Messer oder Axt an, als würden sie melken wollen und rufen den Teufel an; daraufhin nimmt dann der Teufel die Milch aus den Zitzen der Kuh in der Nachbarschaft und bringt sie an den Ort, wo die Hexe sitzt. Dort fließt diese Milch dann vom Schaft des Messers oder der Axt direkt in den Melkeimer. Und die so „gemolkene“ Kuh gibt dann natürlich beim „normalen“ Melken keine Milch mehr. – Wenn hier überhaupt etwas als teuflisch bezeichnet werden kann, dass ist es wohl kaum der unterstellte Umgang der beschuldigten Frauen mit einem leibhaftigen Satan, sondern eher die krude Phantasie der beiden erwähnten Mönche und die tödlichen Folgen, die diese Phantasie für eine Unzahl von Menschen hatte, die zunächst auf die unsäglichste Art gefoltert und dann bei lebendigem Leibe verbrannt wurden.
Als teuflisch bezeichne ich auch die Kriege, die unendliches Leid über diese Welt gebracht haben und noch heute bringen; wie viele Tote haben alleine die Bombardierungen von Städten im so genannten Zweiten Weltkrieg mit sich gebracht: Guernica in Spanien, Coventry in Groß Britannien, Dresden in Deutschland, Hiroshima in Japan, um nur diese vier als pars pro toto von Unzähligen zu nennen. Gerade knapp 65 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges sollten wir das bedenken; gerade auch in Erinnerung daran, dass dieser Krieg von Deutschland ausging; und gerade auch Angesichts faschistisch-brauner Hetzparolen, von denen wir heute wieder in den Nachrichten hören müssen. Mit Rassismus, Ausländer- und Judenhass und Geschichtsverfälschung versuchen die Nazis immer wieder, Menschen hier in Deutschland genauso zu verführen, wie es uns von der Schlange im Buch Genesis und vom Satan im Matthäus-Evangelium berichtet wird. – Den Versuchungen einfacher und dummer Wahrheiten zu folgen, müssen wir uns erwehren. Das sind die Teufel, die uns umgeben.
Der vor wenigen Jahren verstorbene amerikanische Schriftsteller Arthur Miller hat diese teuflischen Strukturen, in denen wir Menschen leben, einmal knapp und ironisch auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Wenn wir uns nicht gegenseitig ermorden würden, könnten wir eine ganz lustige Gattung sein.“
Eine Fastenzeit zur Auferstehung
Das alles zeigt: Wir müssen immer wieder zur Besinnung kommen, unsere Gedanken und Gefühle klären, uns unserer eigenen Motivationen und Beweggründe für unser Tun bewusst werden. Deswegen ist es auch gut, dass wir im kirchlichen Jahreskreis diese lange Besinnungszeit vor Ostern haben. Wir gehen in uns, um zu erkennen, was bei uns Tod ist oder zum Tod auf dieser Welt beiträgt, und wo daher Änderungsbedarf, Metanoia, Umkehr ansteht. Und an Ostern werden wir dann eine Auferstehung von den Toten feiern können, die uns nicht nur in eine religiöse Hochstimmung versetzt, sondern auch konkrete und praktische Auswirkungen auf unser Leben hat. Auswirkungen, die auf das Leben unserer Gemeinde, das Leben unserer Umgebung, das Leben unserer Stadt, das Leben unseres Landes, das Leben der ganzen Welt ausstrahlen können und sollen.
Der Brief an die Gemeinde in Rom spricht eine deutliche Sprache: Die Nacht des Todes, die Herrschaft der Sünde ist zu Ende. Jesus ist von den Toten erstanden. Das Licht der Aufersetzung leuchet allen Menschen!
Daran erinnern wir uns an jedem Sonntag bei der Eucharistiefeier. Daran erinnern wir uns ganz besonders in der vorösterlichen Fastenzeit und an Ostern.
Nehmen wir diese Auferstehung Jesu als eine Zusage, die uns anspornt und motiviert, auch aus den Toden, in denen wir existieren, aufzuerstehen hin zu neuem Leben.
Gott helfe uns dazu.
Foto: Johannes Becker – Quelle: www.pixelquelle.de
[...] atomaren Dreck umgehen, den wir bislang produziert haben (vgl. dazu u.a. meinen Blog-Artikel „Fastenzeit zur Auferstehung – Predigt zu Matthäus 4,1-11“ oder auch „Von guten Geistern verlassen: Atomkraft als [...]
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