Nächstenliebe verlangt Klarheit
Ähnlich, wie mit der liturgischen Farbe, bin ich heute auch mit den Lesungen und dem Evangelium von der eigentlichen Ordnung abgewichen. Der Grund ist das Gedenken, welches wir heute begehen: Wir gedenken der Opfer des Nationalsozialismus. Und wir erklären uns dabei solidarisch mit der Aktion „Nächstenliebe verlangt Klarheit. Evangelische Kirche gegen Rechtsextremismus“, welche von den beiden Evangelischen Landeskirchen von Thüringen und Sachsen-Anhalt heute mit Gottesdiensten in Halle und Jena gestartet wurde. Diese Aktion wird über das ganze Jahr dauern.
Gerade hier die Michaeliskirche, die im Stil einer Synagoge gebaut wurde, und im frühen Mittelalter der Ort war, an dem sich zum Christentum konvertierte Juden zum Gottesdienst versammelt haben, ist an diesem Tag ein besonderer Ort des Gedenkens – und dem aus diesem Gedenken erwachsenden Engagement gegen jede Art von Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus.
Der Verfasser des ersten Johannesbriefes hat es uns ins Stammbuch geschrieben: Christinnen und Christen sind dazu aufgerufen, nicht nur mit Wort und Zunge zu lieben, sondern in Tat und Wahrheit – Gedenken und das daraus folgende Engagement gehören untrennbar zusammen. Dietrich Bonhoeffer hat das für seine Situation und seine Zeit prägnant in einem Satz zusammengefasst: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch zu singen.“
Leider immer noch ein aktueller Satz:
- denn noch heute benötigen jüdische Einrichtungen permanenten Polizeischutz, wie man es beispielsweise in Berlin sehen kann,
- noch immer werden Menschen mit ausländischen Wurzeln oder fremdländischem Aussehen von einem rasenden Mob durch die Straßen gejagt, wie letztes Jahr im sächsischen Mügeln geschehen,
- und noch immer betreiben Personen in politisch hoch verantwortlichen Positionen mit populistischen und ausländerfeindlichen Parolen Stimmenfang, wie wir es derzeit leider in Hessen erleben müssen.
Gerade mit letzterem können viel zu schnell die Geister der Vergangenheit gerufen werden, die man dann nur wieder schwer los wird.
Die braunen Wurzeln entwickeln noch immer Triebe
Die rechtsextreme Ideologie, die unser Land viel zu lange regiert hat, hat schon genug unendlich viel Leid und Schmerz über die Menschen gebracht. Über unsere Nachbarvölker, über die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unseres Landes, aber im Endeffekt auch über die Einwohnerinnen und Einwohner dieses Landes selber. Viele – gerade auch hier in Deutschland und leider auch in den Kirchen – hatten sich von dem gefährlichen Virus anstrecken lassen, der einem vorspiegelt, man sei eine besondere „Herrenrasse“ und allen anderen Völkern überlegen. Und leider können wir uns ihrer braunen Wurzeln heute immer noch nicht als wahnsinnige Kuriositäten der Geschichte erinnern, sondern müssen uns damit auseinandersetzen, dass sie immer wieder neue Triebe zeigt.
Selbst innerhalb der Gemeinschaft der Christinnen und Christen ist der braune Spuk noch nicht vorbei, wie hier in Thüringen ein für mich vollkommen widersinniger Arbeitskreis „Christen in der NPD“ zeigt, der sich derzeit mit der evangelischen Stadtkirchengemeinde Gotha streitet, weil diese ihm die eigenen Räumlichkeiten nicht für eine als Weihnachtsfeier getarnte Parteiveranstaltung zur Verfügung gestellt hat.
Der dortige Pfarrer Jürgen Schilling schrieb der NPD in seiner Absage sehr deutlich: „Ich muss zugeben, dass ich einigermaßen erstaunt bin, wie Sie mit Ihrer Anfrage ausgerechnet an uns als evangelische Stadtkirchgemeinde herantreten können. Sie müssten wissen, dass wir in unseren Häusern allen menschenverachtenden Bewegungen mit aller Deutlichkeit, die uns das Evangelium zumutet, entgegentreten. Deshalb sind Sie bei uns mit Ihren Parteiversammlungen (auch im Kleide einer Weihnachtsfeier) nicht willkommen.“
Christlicher Glaube und Extremismus schließen einander aus
Die Bibel bezieht eindeutig Stellung und müsste jedem, der sich damit auseinandersetzt, klar machen, dass christlicher Glaube und Extremismus – egal ob rechts oder links – einander ausschließen.
So haben sich beispielsweise in der Rechtsordnung Israels, wie wir sie in der Lesung aus dem Buch Deuteronomium gehört haben, aus der eigenen geschichtlichen Erfahrung des Exils, des Lebens in der Fremde, besondere Formen des Schutzes von Ausländern entwickelt. Die „Fremden“ werden den Einheimischen gleich gestellt, denn es wird deutlich gemacht, dass Gott auch die Fremden liebt, ihnen Kleidung und Nahrung gibt, und nicht nur den Israeliten.
Auch in unserer grundlegenden Rechtsnorm, dem Grundgesetz, spiegelt sich Geschichte: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, so lautet deren erster Satz (Art 1 Abs 1). Und wenige Zeilen später kann man lesen: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauung benachteiligt oder bevorzugt werden. (Art 3 Abs 3). Das sind Normen, die klar in Abgrenzung gegen das unseelige nationalsozialistisch-diktatorische Regime entstanden sind. Für manche Politiker sollte man diese Sätze zur täglichen Pflichtlektüre werden lassen.
Einen klaren und nüchternen Blick behalten
Jesus Christus hat die Augen geöffnet. Davon erzählt das heutige Evangelium. Er verschafft dem Blinden wieder einen klaren Blick, heilt das Nicht-Sehen, entzündet ein Feuer im Dunkel unserer Nacht.
Wenn man die populistische Botschaft in die Gegend schreit, wir hätten zu viele kriminelle Ausländer, die Ausländer nähmen uns unsere Arbeitsplätze weg oder alle Muslime seien Terroristen, und dann auch noch behauptet, man wolle damit für einen klaren Blick sorgen, dann macht man in Wahrheit genau das Gegenteil, auch wenn man sich selbst als „christlich“ bezeichnet. Man verschmiert den Blick und schürt das Feuer der Fremdenfeindlichkeit. Man verschmutzt die Brillen der Menschen mit braunem Dreck aus der Gosse des Populismus, damit sie nicht mehr klar sehen, und das für wahr halten, was ihnen von Demagogen ins Ohr geblasen wird.
Als Christinnen und Christen sollten wir darauf nicht hereinfallen, auch wenn die Versprechungen und einfachen Erklärungsmuster, die hier angeboten werden, oftmals verführerisch sind. Die Wirklichkeit ist wesentlich komplexer, als einfache Wahrheiten suggerieren, und es braucht einen klaren Blick, so wie in Jesus und seine gute Nachricht uns schenken kann.
Wenn wir uns an ihm als Vorbild orientieren, seinem Beispiel nachfolgen, dann werden wir immun gegen die Verführer der Massen.
Das heutige Evangelium ist ein Symbol für diese gute Botschaft Jesu: Er öffnet mit seiner Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen und mit dem Kerngebot der Gottes- und Nächstenliebe die Augen, die verklebt sind von Engstirnigkeit, Hochnäsigkeit, Extremismus, Populismus und sonstigem Übel. Die gute Nachricht verschafft denen, die Ohren haben sie zu hören und Augen sie zu lesen, einen klaren Blick und wehrt der Blindheit.
Die Kirchen sollten hier im übrigen Vorbilder sein. Sie sollten ein Sakrament sein, ein glaubwürdiges und wirkmächtiges Zeichen christlichen Glaubens an einen Gott, der größer ist als unser menschliches Herz. Sie sollten der Gesellschaft vorleben, dass Gemeinschaft auch in der Vielfalt möglich und sogar bereichernd ist, statt einander auszugrenzen.
Vielleicht können uns die Brillenputztücher, die heute in Jena und Halle zu der Aktion der Evangelischen Kirchen gegen Rechtsextremismus verteilt wurden, und von denen ich Euch ein paar mitgebracht habe, dabei helfen, immer einen klaren Blick durch unsere Brillen zu behalten.
Dazu helfe uns Gott.
Amen
Foto: Privat (Banner der Aktion “Nächstenliebe verlangt Klarheit – Evangelische Kirche gegen Rechtsextremismus” am EKM-Kirchenamt in Eisenach)
Vielen Dank für diese klaren Worte – wir waren kürzlich in Dresden und konnten hautnah miterleben, wie “blind” Verantwortliche mit Rechtsextremen umgehen: Auf einem Schiff der “Weißen Flotte” durfte ein Auftritt von Neonazis (als Junggesellenabschied “getarnt”)die ganze Fahrt von Königstein nach Dresden unbehelligt vom Schiffspersonal rechtsextreme Lieder und Parolen grölen; wir hätten erwartet, dass die Herren in Dresden zumindest von der Polizei in Empfang genommen worden wäre- Fehlanzeige!
Wie weit dürfen solche Kerle noch gehen?