Gott ist kein Marionetten-Spieler – Predigt zu Lukas 2,1-20

marionetten.jpgGott entäußert sich all seiner Gewalt

Ein Puppenspieler ist ein absoluter Herrscher über seine Marionetten. Er bestimmt das Geschehen, er lässt leben und sterben, siegen und verlieren, lachen und weinen, er hat die Fäden in der Hand. – Die Puppen sind seinem Willen, seiner Willkür unterworfen. Aber er kann auch heil machen, kann reparieren, wenn etwas zu Bruch gegangen ist.

Die Marionetten haben im Endeffekt keine Wahl. Der Puppenspieler hat sie geschaffen oder gekauft und bringt sie dadurch zum Leben, dass er an den Fäden zieht. Und er kann mit ihnen machen, was er will.

Gott hat diese Welt und alles was auf ihr lebt erschaffen. Das glauben wir. Und wir glauben auch, dass Gott der Welt Gutes will. Das hat er uns nicht zuletzt dadurch bewiesen und greifbar vor Augen geführt, dass er selbst in Jesus von Nazaret Mensch geworden ist, das Leben eines Menschen gelebt hat, von der Geburt bis in den Tod, und dann diesen Tod durch die Auferstehung besiegt und so auch uns Zuversicht auf ein neues Leben nach dem irdischen Tod geschenkt hat.

Diese Menschwerdung Gottes feiern wir Weihnacht für Weihnacht.

Doch was ist das für ein Gott, den wir hier preisen und anbeten und dessen Geburt als Mensch wir heute feiern? „Entäußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering, und nimmt an eines Knechts Gestalt“, so haben wir gerade vorhin im Gloria gesungen.

Lukas überliefert uns hier eine Geschichte, in der Gott in ärmlichsten Verhältnissen Mensch wird. Nicht in einem Palast, wie es einem Gott nach menschlichen Vorstellungen doch gebühren müsste. Sondern in einem Stall. In einer Futterkrippe, in der Stroh liegt.

Ob das nun historisch ganz genau so gewesen ist, wie es uns von Lukas überliefert wird, ist dabei völlig zweitrangig. Wichtig ist, was uns mit dieser Darstellung durch Lukas erzählt wird: Da ist nirgendwo die Rede von einer „stillen Nacht“ oder von einem „holden Knaben im lockigen Haar“, wie die Weihnacht durch ein beliebtes Weihnachtslied süßlich verkitscht wird. Krippe, Stroh, Stall und Windeln sind konkrete Signale aus einer Welt der Niedrigkeit und der Armut. Kein Platz in der Herberge. Obdachlos.

Gott ist ein Gott der Notleidenden und Machtlosen

Die Geschichte von diesem im Stall geborene Heiland der Notleidenden offenbart deutlich eine Parteinahme für die Namen- und Machtlosen, wie sie uns in den Hirten vorgestellt werden, gegen die mit Namen genannten Machthaber: den Kaiser Augustus und den kaiserlichen Statthalter Quirinius.

Diese Parteinahme deutet sich auch schon im Magnifikat der Maria an, welches bei Lukas kurz vor der heutigen Stelle von der Geburt Jesu steht. Maria sagt dort prophetisch über das Kind, welches in ihrem Leib heranwächst: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Kämpferisch kündigt sich eine Umwertung der auf der gesamten Welt üblichen Rangordnung an.

Dennoch begegnet uns in diesem Kind in der Krippe kein Puppenspieler, keiner, der die Fäden in der Hand hält, an den Strippen zieht und nach dessen Willen alles geschieht. Ja, nicht einmal ein Revolutionär, dem sozusagen die Kalaschnikov schon in die Wiege gelegt wird, wie wir uns einen solchen Revolutionär vielleicht vorstellen würden, wenn wir die eben zitierten Worte von Maria im Ohr haben.

Ist das – trotz der prophetischen Weissagungen der Maria – ein „ohnmächtiger Gott“? Dieses kleine Baby in der Krippe, gerade frisch geboren, hilflos ohne die Zuneigung und Wärme seiner Eltern, genau wie jedes Kind.

Ja! Das ist unser Gott. Ein kleines, ohnmächtiges Kind. Ein verletzliches, verwundbares Leben. Und genau so stellt sich Jesus auch später als Erwachsener auf die Seite derer, die verletzt sind oder in deren Leben etwas verletzt wurde. Obwohl sie so häufig überhört zu werden scheint, ist seine Botschaft überdeutlich: Gott ist auf der Seite der Unterdrückten, der Verletzten, der Armen, der von der Gesellschaft ausgeschlossenen.

Und Gott ist auf der Seite dessen, was verletzlich ist: Liebe und Güte, Barmherzigkeit und Freiheit. Das sind sehr verletzliche Güter, die man wohl bewahren und pfleglich behandeln muss, weil sie sonst sehr, sehr schnell kaputt gehen.

Das Wunder des Alltags

Genau das erzählen uns auch die Wundergeschichten, die von diesem Kind bei seinem späteren Auftreten in den Evangelien überliefert werden. Sie erzählen nicht unbedingt von historischen, mirakulösen Ereignissen, sondern davon, dass das Wunder der Gegenwart Gottes immer wieder geschieht.

Nehmen wir beispielsweise die Geschichte von der Brotvermehrung, wie sie uns beim Evangelisten Markus berichtet wird: Da teilt Jesus nach der Überlieferung zwei Fische und fünf Brote und fünftausend Männer mit ihren Familien, die da zu ihm gekommen waren, werden satt. Ein Sättigungswunder. Jesus betätigt sich quasi als Füllhorn. Und am Schluss, als die Reste eingesammelt werden, sind es 12 Körbe voll.

Wenn wir die Überlieferung der Evangelien als historische Geschichtsschreibung auffassen hat Jesus das Essen (also die zwei Fische und fünf Brote) vervielfacht, ist wie ein Zauberer aufgetreten, der seine göttliche Allmacht dazu ausnutzt, Naturschranken außer Kraft zu setzen und so das Staunen und den Glauben der Masse hervorzurufen. – Jesus als eine Art antiker David Copperfield.

Aber wäre es nicht genauso ein Wunder – und zwar ein Wunder, welches sich auch heute ereignen könnte – wenn die Menschen, die da zu ihm gekommen sind, so fasziniert von dem Nazarener, von seinen Worten und seinem Tun, gewesen wären, dass sie begonnen hätten, das, was sie möglicherweise dabei hatten, auszupacken und mit ihren Nachbarn zu teilen? Und am Schluss, als die Reste eingesammelt werden, sind es 12 Körbe voll.

Und wäre es nicht ein Wunder, wenn die Menschen heute anfangen würden, miteinander zu teilen, den Hunger und Durst der Welt zu stillen und die Barmherzigkeit statt den Profit und das Haben-Wollen ins Zentrum des Interesses zu stellen? Wäre dass nicht ein unvorstellbar großes Wunder?

Wir im sogenannten „Christlichen Abendland“, auf dessen christliche Kultur sich manche immer so viel einbilden, könnten daran mitwirken, dieses Wunder geschehen zu lassen. Wir haben auf dieser Erde wahrlich genug zu essen, um alle heute lebenden Menschen zu ernähren! Und es ist eine Schande, die uns in den reichen Ländern zutiefst beschämen müsste, dass nur ein einziger Mensch verhungert, während bei uns hier Lebensmittel verderben oder weggeschmissen werden, um die Preise stabil zu halten. Ein solches Wirtschaftssystem ist zutiefst pervers.

Wir brauchen keinen Wundergott! Wir können Wunder selber vollbringen, heute, hier. Mit unserem Tun, mit unserem Kaufverhalten, mit unserem Engagement, mit unserer tätigen Nächstenliebe. Und der Glaube an diesen Jesus von Nazaret, in dem sich Gott selbst den Armen und Schwachen und Unterdrückten zugewandt hat, ist uns Ansporn.

Zur Freiheit berufen

Gott hat uns die Freiheit gegeben. Er ist kein Marionettenspieler. Er lässt die Fäden frei und verzichtet auf die Ausübung seine Allmacht. Das ist die Botschaft der Weihnacht. Das ist die Botschaft von dem kleinen Kind, das in ärmlichen Verhältnissen in der Krippe liegt. Das ist die Botschaft Gottes, der in Jesus von Nazaret wahrer Mensch wird, sich all seiner Allmacht entkleidet und ein Mensch wird wie wir.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Das drückende Joch der Knechtschaft ist zerbrochen (vgl. Gal 5,1). Wir dürfen die Verantwortung für unser Leben und unser Tun selbst in die Hand nehmen. Gott selbst begleitet uns auf diesem Weg, stärkt uns den Rücken, ist bei uns in aller Not, leidet mit uns, wenn wir scheitern, tröstet uns und gibt uns den Mut, immer wieder neu anzufangen.

Gott hat hier auf Erden keine anderen Hände als die unseren. Wir können Gottes Wunder auf dieser Erde vollbringen. Gott wird nicht die Krankheiten heilen und den Hunger stillen. Aber er wird Menschen das Charisma, die Gabe schenken, Medizin zu studieren und gute Ärzte werden zu können und er hat dieser Erde die Möglichkeit gegeben, die Menschheit zu ernähren, wenn wir gerecht miteinander umgehen würden und Friede werden würde auf dieser Erde.

So wirkt Gott in diese Welt hinein. Nicht mit einer Hand, die von oben herabgreift und alles richtet. Nicht als Puppenspieler, der die Fäden an uns als menschliche Marionetten zieht. Sondern indem er Menschen Charismen, Gaben verleiht, die diese zum Wohl aller nutzen und fruchtbar werden lassen können. Indem er uns zusammenführt, an Orte und in Situationen, wo jemand unsere Hilfe braucht. Indem er uns begleitet auf unseren Wegen und unsere Herzen berührt in der Liebe.

Wunder können immer wieder geschehen. Halten wir die Augen auf und die Hände bereit. Und lasst uns unseren Teil dazu tun. Oder, um es mit Worten des Theologen und Ordensmannes Phil Bosmans zu sagen: „Mach‘s wie Gott. Werde Mensch!

Es ist Weihnacht. Gott ist mitten unter uns.

Foto: Alexander Hauk – Quelle: www.pixelquelle.de

2 Antworten zu “Gott ist kein Marionetten-Spieler – Predigt zu Lukas 2,1-20”


  1. 1 Daniel 22. Dezember 2008 um 15:57

    Hmm…das sind mir zu viele inhaltliche Aspekte… Was ist denn jetzt die Kernaussage? Dass Jesus arm auf diese Welt gekommen ist? Oder dass wir den Hunger der Welt stillen sollen? Und, nicht zuletzt: Wenn Lukas 2 ausschließlich als Symbolen besteht – warum soll uns diese Geschichte dann noch bewegen?

  2. 2 Walter Jungbauer 23. Dezember 2008 um 03:13

    @ daniel

    lukas 2 erzählt mir eine ganze menge von gott und seiner gegenwart bei den menschen (z.b. von seiner solidarisierung mit den armen, den habenichtsen, statt mit den herrschenden), auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass es sich um eine historische erzählung handelt; die betrachtung der bibel als geschichtsbuch führt m.e. oftmals zu missverständnissen und weg von der eigentlichen botschaft – und wenn du unbedingt eine kernaussage willst: gott ist kein marionettenspieler, sondern wirkt durch uns auf dieser erde, wenn wir uns – in aller freiheit und demut – in seinen dienst stellen


Einen Kommentar schreiben




Dieses Weblog …

... ist eine rein private Kommunikationsplattform von Diakon Walter Jungbauer und kein offizielles Medium der Alt-Katholischen Kirche.

Gottesdienste …

... der Alt-Katholischen Gemeinde Erfurt an jedem 2. und 4. Sonntag im Monat um 17:00 Uhr in der Evangelischen Michaeliskirche (Michaelisstraße / Ecke Allerheiligenstraße). - am 26. Juli 2009 & am 09. August 2009. - Interessierte sind herzlich willkommen.

Andachten …

Auch in diesem Jahr sind wir eingeladen, zweimal ein "Geistliches Abendbrot" in der Elisabethkapelle im Nikolaiturm / Augustinerstraße zu halten. Der nächste Termin: 04. August 2009, 19:30 Uhr. Sie sind herzlich willkommen!

 

Dezember 2007
S M D M D F S
« Nov   Jan »
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031  

IMPRESSUM

Verantwortlich für den Inhalt: Diakon Walter Jungbauer, Mönchstraße 22, 99817 Eisenach, walter.jungbauer at alt-katholisch.net

Weitere Beiträge

... weitere Beiträge von mir zum Thema Kirche, Christentum und Religion finden Interessierte auf dem Blog www.theologisch.com