„Mir ist der Platz hier zu eng, rück zur Seite, ich will mich setzen.“ – Ein Satz, den viele in den Kirchenbänken wohl gerne einmal wieder hören würden. Im Moment sieht es ja eher oft so aus, als würden Pastorinnen und Pastoren in die Leere predigen.
Doch frohe Kunde ist an mein Ohr gedrungen: 2/3 aller Deutschen bezeichnen sich als „religiös“. Zwar ist die Quote mit 78% religiöser Menschen in den westlichen Bundesländern höher, aber auch in den östlichen Bundesländern geben immerhin 36% der Befragten an, „religiös“ zu sein.
Der „Religionsmonitor 2008“, vorgestern erschienen, hat das herausgefunden.
Aber ach: Wo sind sie nur, diese religiösen Menschen?
Die Mitgliedszahlen, vor allem die der beiden großen Volkskirchen, schrumpfen. Zwar langsamer als noch vor einigen Jahren, aber doch stetig. So haben beispielsweise alleine die Evangelischen Kirchen in Deutschland zwischen 2005 und 2007 rund 500.000 Mitglieder verloren.
Auch der Gottesdienst-Besuch ist – Heiliger Abend mal ausgenommen – oft genug recht dürftig. Und selbst diese dürftige Zahl an Personen hat oft genug bereits ein Alter erreicht, bei dem auszurechnen zu sein scheint, wann der letzte das Licht ausmacht.
Und mitten in diese Erhebung ruft uns der Text heute zu: „Blick auf und schau umher: Alle versammeln sich und kommen zu dir.“
Bevor wir uns nun gleich dem verheißungsvollen zweiten Abschnitt dieser Behauptung zuwenden, rate ich allerdings dazu, doch erst mal beim ersten Teil zu bleiben: „Blick auf und schau umher“: Wir werden aufgefordert aufzuschauen, auf die Leute zu sehen.
Dahinter steckt für mich auch die Frage: Nehmen wir innerhalb der Kirchen, innerhalb der Gemeinden denn überhaupt wahr, was die Menschen um uns herum suchen? Oder wenden wir nicht viel zu häufig unsere Blicke eher nur nach unten und verharren in intenstiver Selbstbetrachtung? Kurz: Beschäftigen wir uns nicht vielleicht viel zu sehr mit uns selber, und dabei dann vorrangig mit zudem vergleichsweise nebensächlichen Fragen? Seien es strittige Strukturfragen, die eine verfasste Kirche lähmen können. Seien es die teilweise haarspalterischen Streitigkeiten unter den Kirchen und in der Ökumene, die uns mehr ablenken, als es dem Evangelium lieb sein kann.
Da kann ich nur zu „Fundraising-Aktivitäten“ aufrufen, dazu, die Schätze der Kirche zu heben – „raise the funds“, hebe die Schätze.
Ich möchte dazu ermutigen, den Reichtum der eigenen Traditionen wiederzuentdecken und sich wieder anzueignen. Glaubenstraditionen, spirituelle Traditionen, liturgische Traditionen – aber natürlich auch die Traditionen des Gottes-Dienstes im Alltag: Diakonie und Gerechtigkeit, tätige Schöpfungsbewahrung, Frieden stiftendes Miteinander.
Es wäre eine Umkehr zu sich selbst, die jede Kirche als Gemeinschaft und jeder einzelne Christenmensch als Individuum immer und immer wieder nötig hat: Wer bin ich eigentlich? Wozu gibt es mich? Was sind meine Aufgaben und Ziele hier auf Erden? Was muss ich möglicherweise bei mir ändern, um diese Ziele engagiert zu verfolgen?
Und aus diesem Blick in uns selbst sollten wir dann wieder aufblicken und überrascht feststellen: „Alle versammeln sich und kommen zu dir.“ – Eine Erfahrung, die ich immer wieder von Gemeinden berichtet bekomme, die nicht nur für irgendein Projekt um Spenden gebettelt haben, sondern die wirklich mit „Fundraising“ angefangen haben, d.h.: die begonnen haben, wieder Beziehungen jenseits nur-bürokratischer Kontakte aufzubauen, die anfangen Freundinnen und Freunde für gute Projekte in ihrer Gemeinde zu gewinnen, die begeistert haben für Anliegen, von denen sie selber beGEISTert waren, mit denen sie eine Facette vom Reich Gottes, von SEINER Realität in dieser Welt haben aufblitzen lassen: In Liturgie, in Diakonie, im Zeugnis.
Und ich glaube, die Menschen werden so zahlreich kommen, dass der Platz bei uns eng werden wird. Denn sie werden bei uns finden, was sie suchen: Gottes Gegenwart.
Wir sollten ihnen und uns diese Chance geben.
Foto: Oleg Rosental – Quelle: www.pixelquelle.de
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