„Falls Gott je sterben sollte, würden wir den heiligen Nikolaus zum Gott machen“, so lautet ein slawisches Sprichwort. Dieser Satz ist keine Blasphemie, sondern ein Ausdruck der Hoffnung, dass die Liebe Gottes zur Welt, wie sie sich den Vorfahren geoffenbart hat und von Bischof Nikolaus von Myra zu einer bestimmten Zeit nachgelebt wurde, unter den Menschen nicht vergessen wird.
Wahrscheinlich hat Nikolaus von Myra zwischen 270 und 324 bei Myra gelebt, einem kleinen Dorf, welches heute Demre heißt und in der südlichen Türkei liegt. Als gütig, hilfsbereit und menschenfreundlich wird dieser Bischof in den ältesten Überlieferungen über sein Leben charakterisiert. Als Schutzpatron der Kinder wird er verehrt.
In unserem Kulturkreis ist heute, vor allem beeinflußt durch eine Werbefigur eines amerikanischen Getränkeherstellers, die erstmals im frühen 20. Jahrhundert in dieser Form auftrat, meist nicht mehr der Nikolaus unterwegs, sondern ein Weihnachtsmann. Und auch von der Güte und Menschenfreundlichkeit ist nicht mehr allzuviel festzustellen, wenn er von manchen Erwachsenen als Disziplinierungsfigur für die eigenen Kinder mißbraucht wird, der mit Rute und Sack kommt und die frechen Kinder bestraft sowie die braven belohnt.
Ich finde es sehr bemerkenswert, dass sich solche Vorstellungen auch in manch schlichten Gottesbildern wiederfinden: Ein älterer Mann, der alle guten und schlechten Taten akribisch registriert, in einem großen dicken Buch aufzeichnet und dann zu einem bestimmten Zeitpunkt Bilanz zieht. Selbst im Aussehen der Bart-Tracht ähneln sich die beiden Figuren zum Verwechseln.
Wie wohltuend anders ist da das Bild vom Gottesknecht, welches uns im heutigen Text vom Propheten Jesaja vermittelt wird: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ Blinde Augen werden geöffnet, Gefangene werden aus dem Kerker geholt, die im Dunkeln sitzen, werden aus der Haft befreit.
Dieser Gottesknecht ist der Erwählte Gottes. An ihm findet Gott gefallen. Er ist das Licht für die Völker. In ihm realisiert sich das Heil, das Gott für diese Welt, für uns Menschen will.
Nach unserem christlichen Glauben feiern wir in knapp drei Wochen den Geburtstag dieses Gottesknechtes, den Geburtstag Gottes selber, der in Jesus Christus wahrer Mensch geworden ist, um uns nahe zu kommen. Mit seinem Leben hat Jesus uns gezeigt, dass Gott die Menschen unendlich liebt, und nicht, dass Gott auf all unsere Fehler lauert, um sie uns an einem jüngsten Tag haarklein unter die Nase zu reiben.
Ich finde, dass diese Haltung auch am Fest des Nikolaus von Myra wieder zum Ausdruck kommen sollte. Lassen wir den mit Strafe bei Unartigkeit drohenden Weihnachtsmann sterben. Er hat nichts mit uns Christinnen und Christen zu tun. Und lassen wir statt dessen den menschenfreundlichen Nikolaus wieder auferstehen, dessen überlieferte Geschichten uns von der Nachfolge Jesu erzählen. Es kann uns nur gut tun.
Foto: Karl-Michael Soemer – Quelle: www.pixelquelle.de
1 Antwort zu “Andacht zu Jesaja 42,1-9 (und zu Nikolaus von Myra)”